Kieselalgen machten Möller reich

Rudolf de Wall zeigt die Typenplattensammlung von Johann Diedrich Möller vor einem Foto des Arbeitszimmers, in denen die Collagen aus Kieselalgen entstanden.
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Rudolf de Wall zeigt die Typenplattensammlung von Johann Diedrich Möller vor einem Foto des Arbeitszimmers, in denen die Collagen aus Kieselalgen entstanden.

Diatomeene Johann Diedrich Möller fertigt Salonpräperate / Typenplatten sorgen für wissenschaftlichen Durchbruch und Akzeptanz

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19. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Mehrere Mikroskope stehen nebeneinander. Darunter befinden sich Salonpräparate. Auf diesen sind Diatomeene, Kieselalgen, angeordnet. Während heute kaum vorstellbar ist, dass so eine museale Ausstellung aufgebaut ist, weil eher großflächige projeziert wird, damit alle die Objekte – seien sie noch so klein – sehen können, war es im 19.  Jahrhundert ganz normal.  „Salonpräparate waren ein beliebter Zeitvertreib“, sagt Rudolf de Wall aus dem Team des Museums Möller Technicon.

De Wall zeigt Abzüge der Arbeiten, die Johann Diedrich Möller ab 1864 in Wedel gefertigt hat. Kreise, Dreiecke, Recht- und Vierecke in verschiedenen Farben und Größen bilden die oft symmetrischen Gebilde. „Diatomeenpräparate von Möller gelten, was die Zahl der gelegten Diatomeen, die Präzision der Platzierung und die Ästhetik des Arrangements betrifft, als unübertroffen. Kein anderer Diatomist verfügte über zugleich höchstes handwerkliches Geschick und ästhetisches Empfinden wie Möller“, heißt es in der „Neuen Deutschen Biographie“ (NDB), die seit 1953 von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird.

Unter dem Mikroskop positionierte Möller die etwa 0,05  Millimeter großen Kieselalgen. „Das ist etwa so dick wie ein Haar. Also sehr klein“, sagt de Wall. Gewöhnlich wurden die Präparate in Canadabalsam eingeschlossen, dem man eine größere Menge Monobromnaphthalin zusetzte, um den Brechungsindex des Lichts zu erhöhen. „Er hat das Verfahren nie preisgegeben und nicht dokumentiert“, sagt de Wall. Einem holländischen Wissenschaftler soll er einmal eine Anleitung gesendet haben – mit der Aufforderung, diese zu verbrennen. „Das hat er wohl auch getan“, berichtet de Wall von dem Mythos um die Herstellung.

Drei bis vier der Objektträger verkaufte Möller pro Woche. „Sie kosteten zwischen 500 und 800 Mark. Zu der Zeit hat ein Einfamilienhaus 5000 bis 6000 Mark gekostet“, beschreibt de Wall den wirtschaftlichen Erfolg. Sechs, sieben Jahre florierte das Geschäft. Johann Diedrich Möller holte seine beiden Brüder ins Unternehmen, die nach seinen Vorgaben fertigten. „Er ist schwerreich geworden in der Zeit und hat sein Geld in Immobilien angelegt“, erläutert der Technicon-Mitarbeiter.

Doch Johann Diedrich Möller wollte mehr als nur die feine Gesellschaft seiner Zeit unterhalten. Seine Arbeiten galten zunächst als „unwissenschaftlich“. Das änderte sich mit den von ihm gefertigten „Typenplatten“. „Er legte die Kieselalgen nicht mehr geometrisch oder systematisch, sondern in Reih und Glied“, beschreibt de Wall. Damit gelang Möller letztlich der Spagat zwischen ernsthafter Wissenschaft und Kunst. Auf den größten Typenplatten wurden bis zu 4000 Diatomeen geometrisch angeordnet. „Er hat jede Alge katalogisiert und den wissenschaftlichen Namen recherchiert. An Internet war da aber nicht zu denken. Das war richtig Aufwand“, sagt de Wall. „Je mehr man sich mit der Arbeit von ihm beschäftigt, desto erschreckender ist, was er geleistet hat.“ Insgesamt 25 000 Kieselalgen soll Möller im Diatomaceen-Atlas, dem „Algenatlas“ erfasst haben. Man unterscheidet heute etwa 6000 Arten. Es wird jedoch angenommen, dass insgesamt bis zu 100  000 Arten existieren. Möller begann sein „Möllerianum zu legen. „Das war ein unglaubliches Werk auf sechs mal 6,4 Millimetern. Er hat 4028   einzelne Algen in Reihe beschrieben.“ De Wall spricht von einem Burnout, den Möller dabei erlitten haben soll. Einige Jahre ließ er die Arbeit ruhen.

„Leider ist wenig erhalten geblieben von den Arbeiten“, sagt de Wall. 30 bis 40 erhaltene Objektträger sind ihm bekannt. „Die Kieselalgen sind heute wieder in aller Munde“, schlägt de Wall den Bogen in die Gegenwart. „In der Nanotechnologie dienen diese als Vorlage für neue Entwicklungen, die sich an Elementen aus der Natur orientieren.“

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