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Wedel-Schulauer Tageblatt

13. Dezember 2017 | 12:58 Uhr

Kettensäge statt Schnitzeisen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Kunst Der Wedeler Jared Bartz erschafft mit einem martialischen Werkzeug facettenreiche Skulpturen / Lutherkopf steht in Hamburg

shz.de von
erstellt am 07.Dez.2016 | 16:00 Uhr

Das typische Kreischen einer Kettensäge dringt aus dem alten Container am Rande Wedels. Dort arbeitet Jared Bartz. Der gebürtige Kölner ist Bildhauer und lebt seit fünf Jahren in der Stadt. Seine Materialien sind Stein, Ton, Bronze und in letzter Zeit oft Holz. Sein bevorzugtes Werkzeug ist ungewöhnlich: Statt mit Schnitzeisen, Raspeln und Klüpfeln schafft der 42-Jährige mit der Kettensäge ausdrucksstarke Skulpturen und Reliefs. Sie heißen „Der letzte Zug“, „Hafenarbeiter“ oder „Dichterinnen und Denker“. Das Tageblatt führte ein Gespräch mit dem Künstler, der ganz eigene Wege geht.

Herr Bartz, woher nehmen Sie Ihre Ideen und Motive?
Jared Bartz: Ich beobachte gern Menschen, versuche, sichtbar zu machen, was sie ausmacht. Über das Porträt- und Aktzeichnen bin ich zum Thema Mensch gekommen. Dabei fasziniert mich besonders der Kopf, der Ausdruck. Ich möchte das Wesentliche eines Menschen durch Übersteigerungen oder abstrahierende Oberflächen deutlich machen. Das hat mich gepackt. Wichtig ist für mich, dass der Produktionsprozess in der fertigen Skulptur sichtbar bleibt, zum Beispiel durch grob belassene Oberflächen oder Spuren von Werkzeugen und Maschinen. Daher arbeite ich auch gern mit der Kettensäge.

Welches Material bevorzugen Sie?
Ich bin auf kein Material fixiert und arbeite je nach Auftrag mit allen möglichen Werkstoffen. Viele Jahre hat mich das Arbeiten an Stein fasziniert, dem man sich gnadenlos stellen muss. Holz hat mich lange Zeit künstlerisch nicht angesprochen. Ich glaube, das liegt daran, dass ich eine Tischlerausbildung gemacht habe und Holz für mich mit industrieller Verwendung verbunden war. Das hat sich mit dem Werkzeug geändert, mit der Kettensäge kann ich das herausfordernde Eigenleben des Holzes beherrschen. Dadurch entstehen kraftvolle Formen und Linien. Inzwischen arbeite ich fast nur noch mit Holz. Zukünftig möchte ich mich aber auch wieder mit Bronze und Beton beschäftigen, mal schauen, wohin es mich treibt.

Seit wann arbeiten Sie als freier Künstler?
Angefangen mit der Bildhauerei habe ich vor über 20 Jahren schon während des Architekturstudiums. Danach habe ich im Projektmanagement gearbeitet und nebenbei angefangen, meine Kunst auszustellen. Das ist allmählich gewachsen, irgendwann habe ich dann den Schritt gewagt, zu versuchen, allein von meiner Kunst zu leben.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
Ich habe einen ziemlich unspektakulären Alltag. Ich stehe früh auf, erledige Organisatorisches im Büro. Danach fahre ich in die Werkstatt und arbeite, oft an mehreren Skulpturen und Reliefs parallel.

Welche Anerkennung hat Ihnen bisher am meisten bedeutet?
Ich glaube, in letzter Zeit war das tatsächlich die direkte Reaktion auf den Luther. Ich habe weit über 300 Stunden an der Skulptur gearbeitet, und dadurch ein intensives Verhältnis zu meiner Arbeit entwickelt. In dem Moment, als die Skulptur für alle sichtbar in der Kirche in Hamburg-Wandsbek vor Publikum enthüllt wurde, hat mich die positive Resonanz wirklich sehr gefreut. Ich konnte spüren, wie ein bearbeitetes Stück Holz die Betrachter berührte. Ich finde es toll, wenn ich Menschen begeistern kann und sie für einen Moment durch meine Arbeiten aus ihrem Alltag heraustreten.

Wussten Sie gleich, wie der Luther werden sollte?
Als ich den Auftrag bekam, hatte ich den Kopf schon fertig vor Augen: Ursprünglich wollte ich ihn sehr feist als zornigen Reformator darstellen. Aber während der Beschäftigung mit der geschichtlichen Figur habe ich Luthers weiche und humorvolle Facetten entdeckt. Die neue Sichtweise hat meine Arbeit verändert und spiegelt sich in der Skulptur wider. Sie wirkt nicht so streng wie die Gemälde von Luther, die von dessen Freund Lucas Cranach dem Älteren stammen. Ich bin froh, dass mir das gelungen ist.

Woran arbeiten Sie momentan?
Ich mache zur Zeit Kettensägen-Reliefs für eine Ausstellung im nächsten Sommer, parallel dazu bereite ich einige Auftragsarbeiten vor. Unter dem Rohmaterial sind auch einige Brocken, zum Beispiel ein über fünf Meter langer Baumstamm, der einen Durchmesser von 1,5 Metern hat. Um diesen Koloss zu bewegen, reicht ein normaler Gabelstapler nicht aus. Logistik und Handling nehmen bei mir immer viel Zeit und Kraft in Anspruch. Auch der Eichenstamm für Luther wog anfänglich 900 Kilo, die fertige Skulptur wiegt immer noch knapp eine halbe Tonne.

Wo kann man Arbeiten von Ihnen sehen?
Vom 9. bis 18. Dezember stelle ich einige meiner Reliefs und einen Kopf im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung junger Künstler des Berufsverbandes bildender Künstler (BBK) in Hamburg aus. Die Forumausstellung „Position“ zeigt Positionen junger Künstler und neuer Mitglieder des Verbands.

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