„Ich habe nichts mehr zu verlieren“

Der Wedeler Komponist Wolfgang-Andreas Schultz präsentiert sein neues Buch „Die Heilung des verlorenen Ichs – Kunst und Musik in Europa im 21. Jahrhundert“.
Der Wedeler Komponist Wolfgang-Andreas Schultz präsentiert sein neues Buch „Die Heilung des verlorenen Ichs – Kunst und Musik in Europa im 21. Jahrhundert“.

Der Wedeler Komponist Wolfgang-Andreas Schultz stellt seine Kulturkritik in Buchform vor

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28. April 2018, 16:00 Uhr

Karlheinz Stockhausen, John Cage und Pierre Boulez gelten als die bedeutendsten Avantgarde-Musiker. „Sie produzieren Geräuschklänge, die am Ohr rumkrabbeln, aber das Herz nicht berühren“, sagt Wolfgang-Andreas Schultz. Der Wedeler Komponist hat mit „Die Heilung des verlorenen Ichs – Kunst und Musik in Europa im 21. Jahrhundert“ sein fünftes Buch veröffentlicht. Darin setzt er sich mit der Krise der modernen Kunst und Musik auseinander.

„Avantgarde-Musik ist etwas, was von einem kleinen Zirkel wahrgenommen wird. Die Schönheit moderner Musik und bildender Kunst geht weitgehend an mir vorbei“, sagt Schultz. Er sieht in dem von anderen und der Natur getrennten Ich den Grund für die Krise der modernen Kunst. Das Gedicht „Verlorenes Ich“ von Gottfried Benn diente Schultz als Idee für den Titel des Buchs. „Ich denke, es drückt sehr gut das Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts aus“, sagt der Komponist. „Ich habe mich schon früh mit Zen-Buddhismus beschäftigt und versuche von außen auf den blinden Fleck der abendländischen Kultur zu schauen. Das könnte der Schlüssel für eine Diagnose des Problems sein“, hofft Schultz.

„In den letzten 100 Jahren wurden neue Klänge, Harmonien und Instrumente entwickelt. Wagner und Beethoven wurden auch erst angezweifelt, aber Dinge, die 1910 entstanden sind, sind bis heute unverständlich“, sagt Schultz über die Avantgarde-Musik. „Als Profi informiere ich mich regelmäßig, aber es ist selten etwas dabei, wo ich sage ,Wow’“.

Doch warum hat Avantgarde-Musik so eine große Bedeutung, wenn nur wenige Menschen sie wahrnehmen? „Es gibt bestimmte Institutionen, die davon Leben. Macht und Geld verhindern, dass etwas anderes produziert wird. Solche Institutionen sind sehr zählebig“, analysiert Schultz. Das Umdenken in der Kultur sei ein komplizierter Prozess, da auch das Feuilleton häufig die Avantgarde-Kunst hofiere. „Man macht sich keine Freunde, wenn man an den Stühlen sägt, die diese Musik und Kunst hochhalten“, sagt Schultz. Warum tut er das denn? „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, sagt Schultz lachend. „Ich bin froh, immer die Musik gemacht zu haben, die ich selber mag. Ich musste mich nicht wegen einer Karriere verbiegen“, sagt der ehemalige Professor der Hamburger Musikhochschule.

„Das Buch soll ein Denkanstoß für alle sein, die mit moderner Musik und Kunst nicht zufrieden sind“, sagt Schultz. „Man sollte das Buch unabhängig von meiner Musik lesen und prüfen, ob meine Argumentation schlüssig ist, egal, ob ich es in meiner Arbeit selbst hinbekommen habe oder nicht.“

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