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Wedel-Schulauer Tageblatt

23. August 2017 | 00:44 Uhr

Haselau : Hommage an eine fast Vergessene

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Haselauer Pianistin Anne Clasen erinnert an die in der NS-Zeit verfolgte Hamburger Komponistin Ilse Fromm-Michaels.

Haselau | „Das ist Kultur auf höchstem Niveau“, urteilte Meinhard Sziegoleit begeistert nach dem sechsten Altendeicher Komponistinnen-Konzert von Anne Clasen in Haselau. Die Pianistin hatte im Zuge der Reihe „Kultur vor dem Alten Deich“ zu einem weiteren Gedenk-Konzert an die in Nazi-Deutschland verfolgte Komponistin Ilse Fromm-Michaels in ihren Musik-Pavillon an der Altendeicher Chaussee eingeladen.

Unter dem Titel „Aber hören Sie mal, das ist ja etwas ganz Außergewöhnliches – oder: Überlebenskräfte“ nahm Clasen ihr Publikum mit auf eine sensible Reise durch das Leben der einst gefeierten und dann fallen gelassenen Künstlerin. Mit ihrem Feingefühl und ihrer ausgeprägten Empathie verstand es Clasen, abwechselnd am Klavier und im Vortrag die fast vergessene Komponistin wieder aufleben zu lassen.

Fromm-Michaels wurde am 31. Dezember 1888 in Hamburg geboren. Schon früh zeichnete sich ihre erstaunliche Begabung für das Klavierspielen und ebenso ihr kompositorisches Talent ab. Sie war ein fröhliches, selbstbewusstes und aufgewecktes Kind, komponierte bereits mit acht Jahren eine Polka und mit 13 Jahren eine Fantasie in c-Moll. Schon mit 13 Jahren bestand sie die Aufnahmeprüfung für Komposition und Klavier an der Berliner Musikhochschule und studierte unter anderem bei Hans Pfitzner am Sternschen Konservatorium. Ihre Abschlussprüfung bestand Fromm-Michaels 1908 mit dem monumentalen, technisch sehr anspruchsvollen Klavierkonzert von Max Reger, das ihr höchstes Lob vom Meister selbst einbrachte. Bis zum Jahr 1933 erregte sie großes Aufsehen mit Interpretationen ihrer Zeitgenossen, wie Wilhelm Furtwängler, Artur Nikisch, Otto Klemperer, Béla Bartok, Arnold Schönberg oder Igor Strawinski, aber ebenso mit eigenen Werken. Kompositorisch entwickelte Fromm-Michaels einen ganz eigenen, beeindruckenden und unverwechselbaren Stil. Clasen brachte einige ihrer berührenden Werke mit viel Verständnis zu Gehör, wie die „8 Skizzen op. 5“, „Variationen über ein eigenes Thema op. 8“, die „Passacaglia op. 16“ mit Klängen von bösen Vorahnungen und den traurigen „Langsamen Walzer“ aus dem Jahr 1950.

Berufsverbot wegen jüdischem Ehemann

Zu der Zeit hatte Fromm-Michaels’ kurze Karriere als bedeutende und bewunderte Künstlerin längst ein jähes Ende genommen. Da ihr Mann jüdischer Abstammung war, wurde sie ab 1933 in ihrer Arbeit eingeschränkt. Als ihr Ehemann 1946 starb, war Fromm-Michaels 57 Jahre alt, am Ende ihrer künstlerischen Kraft und beraubt ihres kindlichen Selbstverständnisses.

Nie hätte sie Lampenfieber gehabt, sagte Fromm-Michaels später fast erstaunt über sich selbst: „Ich wusste ja, dass ich das konnte.“ Ergriffen applaudierten die Gäste am Ende des Konzertes.
 

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erstellt am 05.Nov.2014 | 16:00 Uhr

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