Industriegeschichte : Hochzeit für Hightech

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Die AEGler fühlten sich in der Hafenstraße sehr wohl: Sören Karstens (von links), Kurt Kirchmann, Heinz Gläser, Claas Kirchhoff und Gerhard Kuper.
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Die AEGler fühlten sich in der Hafenstraße sehr wohl: Sören Karstens (von links), Kurt Kirchmann, Heinz Gläser, Claas Kirchhoff und Gerhard Kuper.

Immer in den schwarzen Zahlen: Gut drei Jahrzehnte entwickelte und fertigte die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) in Wedel

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09. Oktober 2018, 10:32 Uhr

Die Geschichte der AEG in Wedel ist in der industriehistorischen Sammlung der Stadt besonders versiert aufgearbeitet, denn drei Mitglieder des Technicon-Teams waren einst bei dem Technikriesen beschäftigt. Elektroingenieur Sören Karstens, Konstruktionsingenieur Heinz Gläser und Gerhard Kuper, der in der Entwicklung Schiffsbau wirkte, bringen ihr spezifisches und internes Wissen mit ein in die museale Dokumentation über den Elektrokonzern. Aber auch Claas Kirchhoff und Kurt Kirchmann, die das Gespräch über das Kapitel AEG in Wedel als Zeitzeugen noch komplexer veranschaulichen können, haben viel zu erzählen.

Wenn die beiden Prüfingenieure über ihre Arbeit im Umweltsimulationslabor berichten, wird’s spannend. Stoßfest, vibrationssicher, wetterfest, salzwasserunempfindlich, vereisungssicher und vakuumgeprüft musste die Technik sein, die AEG in Wedel für Schiffsbau, Luftfahrt und Weltraum entwickelte und fertigte. „Das waren höchste Beanspruchungen, die zu ertragen waren“, erläutert Kirchmann.


Prüfung unter härtesten Bedingungen

Dafür wurden Elektronikplatinen, Lagekreisel für Schiffssteuerungen, Solarkonstruktionen oder auch tonnenschwere Generatoren auf die Vibrationsanlage, den Shaker, gespannt, mit Salznebel besprüht, geschleudert, einem hohen mechanischen Schock ausgesetzt oder gleich in die thermisch-klimatische Prüfkammer oder die Vakuumkammer gesperrt. „Wir haben fürs Kaputtmachen bezahlt bekommen“, scherzt Kirchhoff.

Geprüft wurde grundsätzlich in der Shedhalle. Nachdem Telefunken 1962 aus den Gebäuden in der unteren Hafenstraße ausgezogen war, ließ sich der Mutterkonzern AEG dort nieder. Hightech und Schlüsseltechnologien boomten, immer neue Mitarbeiter wurden eingestellt, neue Abteilungen aufgebaut, so dass schnell erweitert werden musste. Zuerst entstand zwischen Shedhalle und Straße ein neues zweistöckiges Gebäude, das 1968 auf vier Etagen aufgestockt wurde. Heute ist es doppelt so hoch und beherbergt das Hotel Senator.

1964 dann nahm die AEG das Vorkaufsrecht für die Bauernhöfe von Grothe und Körner auf der gegenüberliegenden Straßenseite wahr und begann mit dem „weißen Klotz“, wie Kuper den modernen Massivbau wegen der äußeren weißen Fliesen nennt, mit dem das Gebäude verklinkert wurde. Doch auch Kopf- und Haupthaus, wegen der ansteigenden Hafenstraße unten vier- und oben nur dreistöckig, reichten bald nicht mehr aus. Bis zu 1500 Mitarbeiter beschäftigte der Elektrokonzern in seiner Hochzeit in Wedel. Auf der heutigen Grünfläche vor Isis durften die Autos parken.


Expansion bringt Probleme in der Logistik

Die AEG expandierte. Die heutige Villa Rosie in der Hafenstraße 26 wurde hinzugekauft und in der heutigen Tanzschule Riemer eine Kantine eingerichtet. Fertigung und Entwicklung breiteten sich in den 1970er Jahren auch in die Industriestraße sowie in die Behringstraße nach Hamburg hin aus. Was zu nicht unerheblichen Logistikproblemen führte, wie die Prüfingenieure berichten. Die zu prüfende Technik musste erst umständlich mit dem LKW angeliefert werden.

In der Hafenstraße sei es am schönsten gewesen, sagen die AEGler unisono. Nicht nur die Nähe zum Wasser war etwas Besonderes. Die Sturmfluten 1962, 1976 und 1981 richteten wenig Schaden an, allerdings standen die Autos auf dem Parkplatz bei jedem Hochwasser unter Wasser. Auch das Arbeiten sei spannend gewesen und habe viel Spaß gemacht. Viele Mitarbeiter kamen von der anderen Elbseite täglich mit der Lühe Fähre hinüber. Den Anleger habe man zeitweise hinunterturnen müssen, erinnert sich Kuper.

Der Anfang vom Ende des Weltkonzerns begann dann mit dem Vergleichsverfahren, das 1982 eingeleitet wurde. Die AEG hatte Zahlungsunfähigkeit angemeldet. Durch Umorganisation versuchte man, noch möglichst viel zu retten, erläutert Kuper. Doch 1996 war endgültig Schluss. „Zuletzt sind wir bei Mercedes gelandet und die haben uns abserviert“, stellt er nüchtern fest.

Zum Schluss bricht Kuper noch einmal eine Lanze für den Standort Wedel: „Wedel und Hamburg haben immer schwarze Zahlen geschrieben“, sagt er nicht ohne Stolz.

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