Modern statt märchenhaft : Herausragende Ensembleleistung vom Johann-Rist-Unterstufentheater

Der Kaiser macht seinem Volk und seinen Ministern klar, dass er sich nur  für die Ästhetik von Kunst, Literatur und ganz großer Mode   interessiert.

Der Kaiser macht seinem Volk und seinen Ministern klar, dass er sich nur  für die Ästhetik von Kunst, Literatur und ganz großer Mode   interessiert.

Johann-Rist-Unterstufentheater spielt „Des Kaisers neue Kleider“ gar nicht märchenhaft, sondern modern mit aktuellen Bezügen.

shz.de von
31. Mai 2018, 16:30 Uhr

Wedel | Jugendliche Schauspieler ganz in Schwarz vor schwarzem Bühnenhintergrund – kann es da etwas werden mit der Aufführung des bunten und so prachtvollen Märchens „Des Kaisers neue Kleider“ nach Hans-Christian Andersen? Doch – im Forum des Johann-Rist-Gymnasiums gelingt das und zwar viel mehr noch als märchenhaft. Die Theater-AG der Unterstufe vollbrachte mit Schülern der sechsten und siebten Klassen ein nicht mehr steigerungsfähiges kleines Wunder und spielte den schon so oft verfilmten oder aufgeführten Klassiker aus einer ganz neuen, überraschenden Sichtweise.

Und das mit ungeheurem Charme und Esprit. Jedem und jeder einzelnen gebührten stehende Ovationen, da fehlte einfach nichts, um die Jugendlichen von einer professionellen Truppe unterscheiden zu können: Sie tanzten wie aus einer Choreographie von John Neumeier, spielten wie Katja Riemann oder Axel Milberg und untermalten das alles mit Musik von Klassik bis Schlager und Chanson. Zudem stattete das junge Ensemble das Ganze und den Kaiser dann auch nicht voluminös, sondern mit älteren Ausgaben des Wedel-Schulauer-Tageblatts, Plastikbeuteln, Müllsäcken und Seifenblasen aus.

Immer wieder Szenenapplaus

Auch die gesamte Geschichte um den Kaiser, der mit Äußerlichkeiten prasst und sein armes Volk dafür hungern lässt, war mit aktuellen gesellschaftskritischen Spitzen aufgepeppt und ließ das Publikum immer wieder mit Szenenapplaus aufjubeln. Alle erkannten irgendetwas wieder, über das sie sich schon selbst einmal klammheimlich aufgeregt hatten. Das unsäglich dumme Aussortieren in Heidi Klums Model Wettbewerb, Vorurteile und Militarismus oder die Absage an unterschiedliche Kulturen und Lebensformen.

So ganz nebenbei hat die Unterstufentheater-AG außerdem noch etwas anderes Erstaunliches zustande gebracht: Sie hat keinen der Schauspieler nach vorne geschoben, nicht mal den Kaiser, denn der wurde im Laufe des Spiels bei jedem Auftritt immer wieder anders besetzt. Das tat der Eindrücklichkeit der Aufführung überhaupt keinen Abbruch – im Gegenteil, es bereicherte.

Die beiden Spielleiterinnen Ulrike Hardy und Yasmin Winter, die diese Aufführung gemeinsam mit ihren Schülern auf begnadete Füße gestellt hatten, waren am zweiten Spieltag selbst überrascht und freuten sich wie die berühmten Schneekönige, die bei einer Außentemperatur von 32 Grad ganz schnell dahingeschmolzen wären. „Die Schülerinnen und Schüler haben sich heute noch einmal selbst übertroffen, haben glorios improvisiert und sich die Seele aus dem Leib gespielt.“ Das Stück hatte nur ein Manko: Es wurde nur zweimal aufgeführt und wird nicht wieder zu sehen sein.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen