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Heiraten für einen Tag auf Wedels Hochzeitsmarkt

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Eheliche Pflichten – nur für einen Tag und dann Tschüss? Was nach heutiger Ex- und Hopp-Mentalität anmutet, war in Omas und Opas Jugend einmal im Jahr möglich. Und das in Wedel! Der Heiratsmarkt zog bereits bei der ersten Veranstaltung am Himmelfahrtstag im Mai 1952 rund 30 000 „Hochzeitsgäste“ nach Wedel. Die Einwohnerzahl der Stadt war damit überschritten. In zahlreichen Standesämtern wurde im Sonderangebot „Heiraten für einen Tag“ getraut, was das Zeug hielt. Ein Augenzeuge: „Die Paare gingen einfach auf die Bühne und wurden für einen Tag getraut. Egal ob die sich schon früher kannten oder nicht. Was die dann gemacht haben, kann man sich ja denken. Am nächsten Tag ging alles wieder auseinander. Aber manche haben sich da auch richtig kennen gelernt und nachher geheiratet fürs Leben.“

Dass es drunter und drüber ging, zeigen auch die Berichte der Polizei. Die wenigen Wedeler Ortsgendarmen hatten ihre liebe Mühe, „die durch reichlich Alkoholgenuss undisziplinierten Menschenmassen“ in die richtigen Bahnen zu lenken. Auf dem zweiten Heiratsmarkt, am Himmelfahrtstag 1953 wurde es noch gedrängter. Mit Barkassen und per Bahn reisten rund 60 000 Besucher nach Wedel und ließen die Organisatoren aufstöhnen. Die Belastungsgrenze war überschritten.

Dennoch versuchte man 1954 mit großräumiger Verkehrslenkung die Massen zu steuern. Die B 431 wurde für den Durchgangsverkehr bereits in Hamburg-Osdorf umgeleitet, die Bahn fuhr mit Sonderzügen, auch die HADAG rüstete mit Sonderdampfern auf. Wann sah man in Wedel je wieder so viele Menschen? Es kamen 80 000 heiratslustige Personen nach Wedel. Es blieb natürlich nicht aus, dass Horden Betrunkener durch die Straßen torkelten. Sie hinterließen Trümmerfelder, schliefen in den Vorgärten ihren Rausch aus und verrichteten dort auch ihre Notdurft. Von der Austraße bis zur Bahnhofstraße „stank“ es den Anwohnern. Entsprechend auch die Klagen an die Stadtverwaltung.

Mancher Wedeler aber witterte ein Geschäft. So gab es in der Bahnhofstraße eine Frau, die ihre Toilette für Heiratslustige zur Verfügung stellte und somit richtigen Umsatz machte, weil sie für den Toilettengang zehn Pfennige verlangte. Nach diesen Erfahrungen verzichtete die Stadt Wedel auf weitere Heiratsmärkte und so endete die Tradition im Jahr 1954. Jahre später erhielten die Stadtoberen noch die Anfragen nach den nächsten Terminen des Heiratsmarktes, sogar aus dem Ausland. Doch dieses Spektakel war fortan Geschichte.



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erstellt am 30.Jan.2014 | 11:56 Uhr

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