zur Navigation springen

Wedel : Gustav Peter Wöhler, Susanne Ellen Kirchesch und die Lautten Compagney begeistern das Publikum

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Sowohl die Musiker der Lautten Compagney als auch die Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch überraschten.

shz.de von
erstellt am 16.Sep.2014 | 10:00 Uhr

Wedel | Gustav Peter Wöhler, der vielen aus Theater- und TV-Produktionen bekannt ist, hätte eigentlich eindeutiger Mittelpunkt der Veranstaltung sein müssen. Dem war jedoch nicht so. Sowohl die hervorragenden Musiker der Lautten Compagney mit witzigen, überraschenden Soli als auch die hinreißende Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch konnten dem bekannten Schauspieler im ausverkauften Ernst-Barlach-Saal absolut das Wasser reichen.

Die Lautten Compagney Berlin gehört seit drei Jahrzehnten zu den renommiertesten deutschen Barockensembles. Mit einfallsreichen Konzepten haben es sich die Musiker unter der künstlerischen Leitung von Wolfgang Katschner zur Aufgabe gemacht, Einblicke in die Musiksprache und das Leben im Barock zu geben. Grundlage ihres aktuellen Programms, einer Mischung aus Theater, Lesung und Konzert, sind die Tagebücher des englischen Flottenbeamten und Lebemanns Samuel Pepys, der von 1633 bis 1703 in London lebte. In ihnen beschreibt er, was ihm tagtäglich im London der 1660er Jahre widerfährt. In der humorvollen Chronik seines Alltags spiegelt sich das Leben der Zeit wider.

Die von der Lautten Compagney interpretierten Stücke stammen von Komponisten, die Pepys in seinen Büchern erwähnt und mit denen er teilweise befreundet war, und von solchen, deren Musik dramaturgisch gut zu den Textstellen passt. So beschreibt das Eröffnungsstück „Das Steinleiden“ von Marin Marais musikalisch eine Gallensteinoperation, die Pepys wiederum in all ihrer Blutigkeit schildert, nachdem er sie selbst erlebt hat. Auch von seinen Blähungen berichtet er, vor denen er sich mit einer Hasenpfote und Terpentinpillen versucht zu schützen. Zu Wöhlers herrlich gequälter Lesung dieser Passage amüsierten sich die Musiker sichtlich, die wiederum mit ihren Instrumenten Pups-Geräusche nachahmten.

Strahlend sowohl äußerlich im wallenden roten langen Kleid als auch stimmlich mit kristallklarem Sopran dominierte in den Gesangsparts die gebürtige Essenerin die Bühne. Ihre schauspielerischen Erfahrungen als Opernsängerin, unter anderem als Pamina in Mozarts Zauberflöte, waren deutlich zu merken. Mit ihrem lebendigen Mienenspiel und unbefangen wirkenden Bewegungen im Dialog mit den Musikern und während der tänzerischen Einlagen mit Wöhler bewies sie eine enorme Bühnenpräsenz. Der Schauspieler meisterte diese Sequenzen übrigens bezaubernd leichtfüßig.

Wöhler gelang es, mit verdruckstem Mienenspiel und hilflosem Hundeblick überzeugend, die Nöte Pepys zu vermitteln, der stets Probleme mit seiner eigenwilligen Ehefrau hatte. In seinem Tagebuch beschreibt er, dass er sie, um nicht als Pantoffelheld und Gehörnter dazustehen, aufs Land schickt. Das bleibt nicht ohne Gegenwehr: „Fuggi, fuggi“ wütete die Sopranistin als unterdrückte Ehefrau.

Auch die entsetzliche Not während der Großen Pest beschreibt der Lebemann im Seidenrock mit schlechtem Gewissen. Dazu sang Kirchesch mit klarem, verwehendem Sopran „Death’s Dance“ von John Blow.

Herrlich verdruckst, mit zitternder Stimme zitierte Wöhler Pepys Sorgen um sein Vermögen während der damaligen Finanzkrise: „Vielleicht sollte ich es in der Sickergrube verstecken? Aber wie bekomme ich es dann wieder heraus?“

Auch dem Entsetzen über die Feuersbrunst, die London erfasste, wurde Gehör verliehen: „Fire! Fire! Lo here I burn“ von Nicholas Lanier.
Herrlich wohlig lüstern zitierte Wöhler auch anzügliche Stellen, die Pepys in einer erfundenen Sprache aufgeschrieben hat, einem Gemisch aus Lateinisch, Französisch und Spanisch, eine Inlingua franca. Darin erzählt er von Bordellbesuchen und Seitensprüngen. Eine schöne Idee: Kirchesch übersetzt als übergeordnete Erzählerin die Passagen fürs Publikum mit leicht gerümpfter Nase. Fazit: eine fantastische Idee und Aufführung, ein künstlerisches Juwel erster Güte.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen