Graffitikunst: Von trist zu bunt

Eine der Wände darf Lucht nicht bemalen – sie wird vollgeschmiert.
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Eine der Wände darf Lucht nicht bemalen – sie wird vollgeschmiert.

Der Künstler Johann Lucht sprayt Auftragsarbeiten / Auch die Werke am Schulauer Fährhaus stammen aus seiner Farbdose

shz.de von
11. Juni 2014, 16:00 Uhr

Eine 130 Meter lange Leinwand. Davon träumt so mancher Graffiti-Sprayer. Denn legale Wände sind rar, und im Hinterhof sieht niemand die Kunst. Johann Lucht muss nicht träumen – er darf die Flutschutzmauer zwischen dem Schulauer Fährhaus und dem Graf-Luckner-Heim nach Herzenslust besprayen. Die Erlaubnis hat er sich von den anliegenden Grundstückseigentümern eingeholt. Neuestes Werk: Ein beeindruckender Gorilla. Er thront neben großen bunten Lettern und ist nicht zu übersehen. „Ich habe 60 Stunden daran gearbeitet“, sagt der 27-jährige Lucht.


Gorilla war 60 Stunden Arbeit


Das erste Mal verwandelte er die grauen Wände 2007 gemeinsam mit zwei Kumpels. Aus schnödem Waschbeton wurden so Unterwasser- und Dschungelwelten. Tiger und bunte Papageien zwischen Lianen, Delfine, die ausgelassen im Meer schwimmen. 2009 bekam er den Auftrag für die Mauern rund um das Schulauer Fährhaus. Seither zieren dort etliche Werke zum Thema Wasser – von Helgoland bis ozeanische Bucht – das Gemäuer.

Mittlerweile bröckeln die Werke an der Elbe ein bisschen. Nachbessern möchte Lucht sie nicht, lieber neu sprayen. Er ist selbstkritsch. Und sagt: „Ich bin mittlerweile viel besser geworden.“ Das beweist sein Gorilla. Gern möchte er mehr Auftragsarbeiten machen. Dass „Straßenkunst“ aber auch etwas kostet, das würden viele vergessen. Als er an dem Affen arbeitete, stellte er eine Spendendose auf. „Die Farbdosen hab ich dadurch finanziert“, sagt er. Auch die Reaktionen der Passanten seien durchweg positiv gewesen.

Im Sommer 2000 sprühte Lucht sein erstes Graffiti an der Mobilölwand in Wedel. „Das Sprühen begleitet seither mein Leben“, sagt er. Lucht studierte an der Fachhochschule HTK (Hamburger Technische Kunstschule) Kommunikationsdesign. Jetzt arbeitet er als Grafikdesigner und fröhnt nebenbei seiner Leidenschaft.

Für einen Abschnitt der Schutzmauer hat Lucht keine Erlaubnis, sie ist grau. Darauf viele lieblose Schmierereien. Denn Auftragsarbeiten werden seltener mit Namenszügen beschmiert, aus Respekt vor dem Werk eines anderen Sprayers.

Die Werke von Lucht sind online auf www.400ml.biz einsehbar. Woher die darin enthaltene Zahl? „400 Milliliter, so viel ist in den Farbdosen drin“, erklärt er.

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