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Wedel-Schulauer Tageblatt

13. Dezember 2017 | 18:36 Uhr

Wedel : Gedanken, die fliegen lernen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Die gebürtige Wedelerin Kristina Calvert philosophiert mit Kindern und bildet Lehrer an der Schweitzer-Schule in Hochbegabtenförderung aus.

shz.de von
erstellt am 18.Apr.2015 | 16:00 Uhr

„Bin ich selbst mein größter Schatz?“ lautet die aktuelle Frage in der regelmäßig stattfindenden Reihe „Gedankenflieger“ im Hamburger Literaturhaus. Die Kinderphilosophin Kristina Calvert liest aus dem Bilderbuch „Ich“ von Philip Waechter und philosophiert darüber mit Kindern ab fünf Jahren. Sie fragt: „Wie fühlt es sich an, wenn man sich mag?“, „Welche Farbe hat schön?“ oder „Wo fühlt man Angst?“

Die Kinder sind ganz ernsthaft bei der Sache, denken lange nach oder platzen heraus. So wie Benti: „Angst und Wut gehören zusammen!“ Calvert nickt zustimmend. Sie lässt die Kinder frei assoziieren, stellt offene Fragen, um Türen zu neuen Gedanken zu öffnen. Sie wertet nicht, lässt alle Antworten für sich stehen und formuliert daraus neue Fragen. Eine kindliche Gedankenperle reiht sich so an die andere. So entstehen freie Gedankenwelten, so geht Philosophieren – selbst denken, miteinander denken, weiterdenken.

Dieses Lernprinzip soll auch in Schulen umgesetzt werden, möglichst Einzug in alle Fächer halten. „Philosophieren mit Kindern und Forschendes Lernen“ heißt die Fortbildung für Lehrer, die Calvert seit acht Jahren bundesweit für Pädagogen anbietet. Seit zwei Jahren bildet die gebürtige Wedelerin auch Lehrer an der Albert-Schweitzer-Schule aus, die sie als Kind selbst besucht hat. Finanziert wird die Fortbildung von der Karg-Stiftung, die sich für Hochbegabtenförderung einsetzt, und dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH).

Die Albert-Schweitzer-Schule ist seit 2012 Stützpunktschule für „Enrichmentkurse zur Förderung von hochbegabten Kindern“ und nimmt in Zusammenarbeit mit der Kindertagesstätte „Hanna Lucas“ mit fünf weiteren Grundschulen in Schleswig Holstein an dem Projekt „Kompetenzzentrum Begabtenförderung“ teil.

In neun zweitägigen Weiterbildungsmodulen werden Lehrer darin geschult, hochbegabte Kinder speziell zu fördern und auch um an anderen Schulen als Multiplikatoren zu wirken. „Philosophieren und Forschendes Lernen“ bedeutet, zusätzlich zum regulären Unterricht Schüler zu begleiten, die einer selbst gewählten Frage nachgehen und versuchen, diese zu beantworten.

Diese sogenannte intrinsische Handlung ist vollkommen selbstbestimmt und somit Ausdruck der Persönlichkeit. Um die eigene Frage wie zum Beispiel „Warum gibt es Streit?“ oder „Was passiert, wenn ich tot bin?“ zu beantworten, nehmen die Kinder bereitwillig Anstrengungen und Frustrationen in Kauf und eignen sie sich Kompetenzen an wie das Formulieren und Darstellen von Problemen und ihren Lösungen, Recherchetechniken sowie Reflexionsvermögen.

„Philosophieren ist das Suchen nach einer Deutung, um sich über etwas klarer zu werden. Dafür eignen sich besonders Kinderbücher und Bilder, die sehr verdichtet und damit mehrdeutig sind“, erläutert Calvert. Jeder Mensch habe seinen eigenen Entwurf der Welt. Philosophieren diene dazu, sich selbst in der Welt besser zu verstehen. Dafür sei vernetztes Denken notwendig, das heißt, neue Informationen müssen mit bestehenden abgeglichen werden, woraus neue Erkenntnisse entstünden.

Calvert bezeichnet ihre Arbeit auch als „wohlwollende Hinwendung“. Die Kinder fühlten sich wahr- und vor allem ernstgenommen. Sie müssten keine Erwartungen erfüllen, könnten ganz sie selbst sein und sich mit ihrer eigenen Wahrnehmung, ihrem eigenen Konzept beschäftigen. Calvert möchte auch Schulen in sozialen Brennpunkten ansprechen, denn äußerliche Schwierigkeiten schlössen Hochbegabungen keineswegs aus. Überhaupt sollten ihrer Meinung nach alle Kinder die Möglichkeit bekommen zu philosophieren. Häufig seien aus schlechten Schülern dadurch die besten geworden, einfach, weil sie ernst genommen wurden.

Die bisher treffendste Bestätigung ihrer Arbeit habe kürzlich eine Schülerin formuliert: „Was würdest du machen, wenn wir nicht so toll wären?“ Dazu sagt Calvert strahlend: „Das ist genau das, was ich erreichen will. Die Schüler sind sich ihrer selbst bewusst. Mündigkeit muss das Ziel von Bildung sein.“

Die promovierte Kinderphilosophin Calvert hat zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen und Kinderbücher veröffentlicht. „Lügen Ameisen eigentlich?“ heißt die jüngste Publikation für Eltern und Kinder. In Wedel wird Calvert demnächst in Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei und der Buchhandlung Heymann über das Thema „Bin ich arm oder reich“ philosophieren und hofft auf viele Kinder, die ihre Gedanken fliegen lassen möchten. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.

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