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Theater in Wedel : Furioser Namensstreit beim Dinner

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Geglückte Premiere auf der Batavia: Publikum feiert das Ensemble für Interpretation der Komödie „Der Vorname“.

shz.de von
erstellt am 20.Jan.2014 | 12:00 Uhr

„Das war echt ein Kotzbrocken“ sagte die Zuschauerin, als sie über den Steg der „Batavia“ wieder an Land stöckelte. Was sich nach Hafenkneipenslang der untersten Kategorie anhört, sollte das größte Kompliment sein, was man einem Schauspieler machen kann. In der Komödie „Der Vorname“ agierten manche Akteure so gekonnt, dass sie ihre Rolle nicht spielten, sondern die entsprechende Person wirklich verkörperten. Lang anhaltender Applaus war der Lohn nach der Premiere.

Alles beginnt ganz harmlos. In einer kleinen Pariser Wohnung haben der Literaturprofessor Pierre (Lorenz Schmidt) und seine Frau Elisabeth (Stefanie Beckmann) drei Freunde zu einem zwanglosen Dinner eingeladen. Sie kennen sich gut und lange, teilweise schon 30 Jahre. Vincent (Thomas Lagerpusch) ist Elisabeths Bruder und bringt seine Partnerin Anna (Evi Albrecht) mit. Fünfter in der Runde ist Claude (Tim Feindt), Musiker und Single

Kultstück begeistert auch in Wedel

Als Vincent verkündet, dass seine Anna mit einem Sohn schwanger sei, ist die Freude erst groß, schlägt dann aber ins krasse Gegenteil um, als nach einem Ratespiel der geplante Vorname bekannt wird: Das Paar hat sich nach einer berühmten Romanfigur für „Adolphe“ entschieden. Und die Freunde sind entrüstet: Hitler als Namenspatron – eine Ungeheuerlichkeit!

Es entwickelt sich eine hitzige Debatte mit Argumenten im für und wider. Vincent meint: „Er hat uns Elsass und Lothringen genommen, aber nicht unsere Vornamen!“ Auch die legendäre Hitler-Parodie von Charlie Chaplin wird zu Rate gezogen. Und man erkennt, dass Kinder auch nicht Josef (Stalin) oder Jack (the Ripper) genannt werden dürfen. Im Chaos um „Adolphe“ ziehen alsbald böse Spitzzüngigkeiten, derbe Scherze und entwaffnende Pointen ihre Kreise.

Und schon geht es nicht mehr nur um den Vornamen. Die Debatte eskaliert in alle denkbaren thematischen Richtungen. Der als gemütliches Dinner geplante Abend existiert nicht mehr, rund um den Tisch und die verschiedenen Gänge wogt eine Schlacht „jeder gegen jeden“. Und das Publikum im Bauch der Batavia fühlt sich mehr als Nachbar, der das Ganze miterlebt, denn als Zuschauer.

Letzteres liegt an der Eindringlichkeit, mit der das Ensemble zu Werke geht. Dabei überzeugten vor allem Lagerpusch in der Rolle des Vincent und Feindt als Claude. Beckmann und Schmidt, das Gastgeberpärchen, stand phasenweise etwas zurück, was aber nicht zum Nachteil gereichte.

Angelika Strub als Regisseurin legt eine mitreißende Komödie hin, bei der die zwei Stunden im Fluge vergehen. Das Bühnenbild von Hannes Grabau war stilistisch bis ins kleinste Detail ein Volltreffer und die Kostüme von Helga Brunner trugen ebenso dazu bei, dass die verschiedenen Charaktere ohne Einschränkung glaubwürdig waren.

So wollte der Applaus bei der Schlussaufstellung kein Ende nehmen. Die Kommentare reichten von „toll“ über „super“ bis hin zu „großartig“. Dabei gab es während der Aufführung durchaus das eine oder andere leichte Verhaspeln. Aber das ist bei der Aufregung, die eine Premiere mit sich bringt, locker zu entschuldigen, zumal es dem großen Ganzen keinen Abbruch tut.

„Der Vorname“ von Matthieu Deleporte und Alexandre de la Patellière gilt als Kultstück. Kein Wunder also, dass zwei weitere Aufführungen bereits ausverkauft sind. Das Stück wird bis Ende April gespielt. Liebhaber guten Theaters sollten sich die Chance auf diesen Leckerbissen auf der Batavia nicht entgehen lassen.
 

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