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Wedel-Schulauer Tageblatt

21. September 2017 | 16:05 Uhr

Folgenschwere Pflichtübungen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2016 | 12:03 Uhr

Zwischen dem Bürgermeister Harald Ladwig und seinem Stadtinspektor Wilhelm Pieper muss es wohl erheblich gemenschelt haben. In der Tat ging Ladwig die Bevormundung seitens der Partei gegen den Strich, die ihn zwang, statt eines qualifizierten Kandidaten einen so jungen „Alten Kämpfer“ einstellen zu müssen. Pieper war schon 1931, als 22-Jähriger der NSDAP beigetreten. Gleich nach seiner Vereidigung zum Stadtbeamten im November 1934 tat sich Pieper als „Politischer Leiter“ hervor, unter anderem als Ortsgruppenschulungsleiter. Damit war auch der Bürgermeister selbst Piepers parteipolitischer Propaganda ausgesetzt. Pieper, ein Nazi-Hardliner also! Ladwig seinerseits verachtete das Parteigetue der Emporkömmlinge. Seinem Ältesten verbot er, Freunde in Hitlerjugend-Uniform mit nach Hause zu bringen. Er wolle das Gesocks nicht auch noch in seinem Hause sehen. Zeit seines Lebens brachte ihm diese Gratwanderung zwischen Zusammenarbeit und Verachtung nichts als Scherereien ein.

Die Sache mit Wilhelm Pieper löste sich überraschenderweise in beidseitigem Wohlgefallen: Pieper kündigte im Mai 1937, auf dem Gipfelpunkt der Peinlichkeiten. Er übernahm in seiner Heimat in Kirchlegern eine Amtsbürgermeisterstelle. „Säufer“ und „Ehebrecher“ verschwanden hinter Aktendeckeln. Dann verliert sich seine Spur


Pieper boykottiert die Weitergabe des Befehls


Sinnbildlich mit einem Knall zog Pieper in Kirchlegern jedoch noch einmal alle Blicke auf sich. Es geschah am 5. April 1945, einen Monat vor Kriegsende. In Kirchlegern zeichnete sich das Kriegsende jetzt schon ab. Einige Endsieg-Gläubige versuchten noch eine Kriegswende zu ertrotzen. Sie bereiteten die Sprengung der Elsebrücke und des Kraftwerks vor, um die anrückenden Amerikaner aufzuhalten. Im Amtshaus von Kirchlegern, Pipers Wohnsitz, wurde zeitgleich die weiße Fahne gehisst. Außerdem boykottierte Pieper die Weitergabe des Sprengungsbefehls von „höherer Stelle“. Die Panzer rollten ungehindert über die Brücke und der kleine Ort blieb unzerstört. Keines der Lichter hinter den Verdunkelungsrollos verlöschte unfreiwillig.

Nachts gegen 21 Uhr gab es im Amtshaus noch aufgeregte und bange Beratungen unter Hilfspolizisten, als der Amtsbürgermeister aus seiner Wohnung im Obergeschoss ans Portal geklingelt wurde. Ein Wortwechsel, dann knallten zwei Schüsse. Pieper war augenblicklich tot. Anderntags wurde ein Zettel gefunden mit der Aufschrift: „Verräter! Die Werwölfe“. Über den oder die Täter kursierten sofort Gerüchte. Jugendliche Heißsporne? Aufgebrachte Bürger? Ein Mann in Zivilkleidung? Die Begleichung einer „alten Rechnung“ zum günstigsten Zeitpunkt? Die „gerechte Strafe“ für einen Nazibonzen? Die durchziehenden Amerikaner, sowie ein späterer Prozess gegen einen Verdächtigen trugen nichts zur Aufklärung bei. An jenem 5. April war der Wedeler Bürgermeister bereits zwei Monate verschollen, gefallen in Marienburg in Ostpreußen bei der Verteidigung seiner Heimat, wie es in einem offiziellen Schreiben an die Familie in Wedel hieß.

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