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Wedel-Schulauer Tageblatt

21. August 2017 | 12:55 Uhr

First Lady mit stoischem Gemüt

vom

Wedel | Renate Palms Lachfältchen um Augen und Mund sind ein Detail, das der zweite Blick entdeckt. Wenn sie Sätze wie "Wedel ist 800 Jahre alt. Wenn ich in fünf Jahren 20 Jahre Kommunalpolitik gemacht habe - was ist das schon für ein Anteil?" sagt, springt ein keck-spöttisches Lächeln den Gesprächspartner an. Das Spöttische - es gilt den Wechselfällen des Lebens. In der Sozialdemokratin Palm hat Wedel eine neue Stadtpräsidentin mit rauchiger Stimme und stoischem Gemüt.

Was ist die Rolandstadt? Für die 56-Jährige ein gemeinsames Mittagessen. 1998 ist Palm mit Ehemann und den drei Kindern von Bremen an die Elbe gezogen, um Wohnen und Arbeiten endlich so zu verbinden, wie es dem Familienmenschen Palm vorschwebte: Ehemann Georg, gelernter Bohrtechniker und nun Unternehmensberater, konnte mittags mit ihr und den Kindern essen und "Informationen austauschen". Ihr Wedeler Glück ist das der Familie. Mit Mann Georg, Tochter Maike (27) und Enkeltochter Loreley (7) lebt Palm heute in einem Drei-Generationen-Haus, in dem die Tochter einen eigenen Haushalt führt. Um Enkelin Loreley kümmert sich Palm viel, damit Tochter Maike studieren kann. Ab 50 nochmal so nah ein Kind zu erleben, sieht Palm als großes Glück. "Ich habe es viel einfacher, weil ich eine andere Gelassenheit habe", so die Großmutter. Ruhiger sei sie. Weil sie als Oma für Loreley andere Verantwortung trage als als Mutter, könne sie mehr zulassen. "Früher meinte man, auch noch zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen zu müssen", so die Sozialdemokratin, bei der in solchen Momenten der keck-spöttische Blick ausbricht.

Aufgewachsen ist Palm im niedersächsischen Ahlhorn auf der Tankstelle ihres Vater - zum Leidwesen der Mutter mit Schrauben und Ölkannen. Die Eltern waren katholisch, der Vater zwar nur halbherzig, dafür war er ein um so überzeugterer Sozialdemokrat, der sich kommunalpolitisch engagierte. Palm ist mit Mitte Zwanzig in die SPD eingetreten, als sie in Bremen studierte. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden. Doch damals fehlte dafür die Perspektive. Deshalb probierte sie es mit Maschinenbau, brach aber ab. Es musste doch ein Lehramtsstudium sein. Heute nennt sie diese Lebensspanne die Zeit, in der sie sich "verlaufen" hatte. Doch dann kam Sohn Jan, und für Palm war die Entscheidung klar: Das Kind hat Vorrang. Sie wurde Hausfrau, engagierte sich kommunalpolitisch und wurde Elternvertreterin aller katholischen Schulen Bremens. Aus der Kirche ist sie mittlerweile ausgetreten. Ob Gott existiert? "Das frage ich mich öfter", sagt Palm.

Dass die Oma im "großen Rathaus" eine bedeutende Rolle spielt, macht Enkelin Loreley stolz - zur Überraschung Palms, die mit Stolz wenig anfangen kann. "Ich bin ein Rad im Getriebe, wie es viele gibt", so die neue Stadtpräsidentin, die auch ihren Sitz im Haupt- und Finanzausschuss behält. Sich selbst nicht so ernst zu nehmen - das habe sie gelernt. Vor allem dem Tod ihres Sohnes Jan, der 2009 nach schwerer Krankheit starb, schreibt sie dabei eine bedeutende Rolle zu. Bescheiden habe sie der Verlust gemacht. Das Besondere an ihrem Sohn Jan war, dass er seine Mutterliebe unmissverständlich zum Ausdruck brachte. "Meistens lebt man nur nebeneinander her", so Palm. Mit Jan, der als 17-Jähriger sofort in Wedel heimisch wurde, war das anders. Heute sagt Palm: "Du musst weiterleben, aber etwas stirbt mit." Geholfen hat ein wenig das Golfspielen am Morgen in Haselau, bei dem sie den Anblick der Hasen genossen hat, weniger das giftige Keifen der Schwäne. Inzwischen geht es mit der ganzen Familie auf den Golfplatz.

2008 hätte sie sich noch nicht zugetraut, ein Amt wie das der Stadtpräsidentin zu übernehmen. Nach dem Tod des Sohnes habe sie auch erst wieder lernen müssen, als Awo-Vorsitzende in der Öffentlichkeit zu stehen. In der Awo ist Palm seit Bremer Zeiten und durch "Zufall", wie sie erzählt. Als SPD-Arbeitskreismitglied wollte man sie für den schwächelnden Verband werben. "Wenn ich nichts tun muss", war ihre Antwort. Musste sie nicht - vorerst. Als in Wedel 2002 eine neue Vorsitzende gesucht wurde, konnte man die damalige Beisitzerin überzeugen. Seitdem führt sie den Verein und hat vor allem gelernt, wie man darauf achtet, "dass alle zusammengehören". Den Tod des Sohnes bezeichnet Palm als ihren "Entscheidungsgeber": "Egal was kommt, ich habe gelernt zu funktionieren. Das muss man in solchen Positionen einfach." Passe waren die Gedanken aufzuhören. Da war das Zutrauen. "Mitunter habe ich den Wunsch, mich zu beweisen." Ob sie das neue Amt anstreben soll, hat sich Palm trotzdem genau überlegt: Könnte ich eine Niederlage wegstecken, wenn es nicht klappt? Kann ich es ertragen, wenn nicht alle Veranstaltungen gelingen?, hat sie sich gefragt. Kann sie, war jeweils ihre Antwort.

Für ihre Amtszeit hat sich Palm Neutralität auf die Fahnen geschrieben. "Sobald ich Stadtpräsidentin bin, darf die SPD keine Rolle mehr spielen." Verleugnen werde sie sich zwar nie können, aber alle Partien hätten das Recht darauf, fair behandelt zu werden. "Bisher habe ich das bei Awo und Politik auch geschafft."

Die Sprechstunde ihrer Vorgängerin will Palm beibehalten. "Mitunter brauchen Menschen einfach jemanden, der ihnen zuhört", so die Stadtpräsidentin. Noch ist sie allerdings in der Findungsphase. Öffentliche Auftritte stehen ihr noch bevor. "Auszuhaltendes" Lampenfieber wird sie dann, wie einst als junge Leichtathletin im Startblock, sicher haben. In die Verwaltung muss sie sich erst einfinden. "Aber ich erfahre große Unterstützung und bekomme insgesamt viel Zuspruch." Langsam mache ihr die neue Aufgabe auch ein bisschen Freude.

Von ihrer Amtsvorgängerin Sabine Lüchau (CDU) erhofft sie sich auch Tipps. "Sie wird mir helfen. Die ist so", sagt Palm. Was die Wedeler von ihrer neuen Stadtpräsidentin zu erwarten haben? "Es wird nicht besser oder schlechter, es wird anders." Ihren Weg müsse sie zwischen den Reglementierungen erst finden. Dass manch flapsiger Kommentar zum Fettnäpfchen wird - damit rechnet sie. Ehemann Georg will sich am Vorgänger orientieren: seine Frau begleiten, den Fahrer geben, sich zurückhalten. Awo-Vorsitzende bleibt Palm mindestens bis zu den Wahlen 2014. Ob sie wieder antritt? "Ich plane mein Leben nicht mehr."

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erstellt am 06.Aug.2013 | 01:14 Uhr

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