Fiktives Virus und echte Morde

Das Autoren-Ehepaar Bettina Mittelacher und Thomas Frankenfeld las gemeinsam auf der Wedeler Streuobstwiese.
Das Autoren-Ehepaar Bettina Mittelacher und Thomas Frankenfeld las gemeinsam auf der Wedeler Streuobstwiese.

Für Bettina Mittelacher und Thomas Frankenfeld trotzen die Zuhörer auch Wind und Regen

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14. September 2020, 16:00 Uhr

Wedel | „Wir haben schon an besonderen Orten gelesen wie auf der Queen Mary 2, aber hier ist es etwas ganz Besonderes“, sagte Thomas Frankenfeld zur Lesung auf der Wedeler Streuobstwiese. „Es ist das erste Mal, dass wir gemeinsam lesen. Meine Frau hatte schon unglaublich viele Lesungen, aber noch nie mit mir zusammen“, erläuterte der Sohn von Entertainer Peter Frankenfeld. Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher, Ururenkelin des Dichters und Juristen Theodor Storm, hat bereits fünf Bücher mit dem international renommierten Rechtsmediziner Professor Klaus Püschel, Leiter der Hamburger Rechtsmedizin veröffentlicht.

„Das Buch dreht sich um einen tödlichen Virus“, stellte Frankenfeld sein Erstlingswerk „Der bleierne Sarg“ vor (unsere Zeitung berichtete) und stellte direkt klar: „Bevor der eine oder andere sagt, da ist er schnell auf den Corona-Zug aufgesprungen, möchte ich sagen: So ist es nicht. Das Buch war vorher fertig.“ Direkt nachdem er es vorgestellt hatte, schlug Corona zu. „Das hat uns leidvoll getroffen, denn alle Buchläden waren zu.“ Die Story: Unter der Kirche am Wedeler Roland wird ein Bleisarg mit einer fast intakten Pestleiche gefunden. Diese trägt einen Chimäre, eine Mischung aus Virus und Bakterium, in sich, die eine Terrororganisation nutzen und in Hamburg verbreiten will.

Wind ließ die Blätter auf der Wiese rauschen und Mittelacher korrigierte mehrfach das Mikrofon ihres Mannes. „Ich habe das Gefühl, mir fallen die Ohren ab“, sagte Frankenfeld. Buchhändlerin Silke Steyer bestätigte: „Nein, so ist es super. Hau rein.“ Nach der geplanten Dreiviertelstunde waren die meisten Besucher durch den mittlerweile eingesetzten Regen durchnässt. „Was machen wir jetzt?“, fragte Frankenfeld. Klares Signal der gut 40 Zuhörer: Weitermachen. Den Hinweis seiner Frau auf die Pause und die Mikrofonübergabe kommentierte er süffisant mit dem Blick auf die Uhr: „Ein paar Minuten habe ich noch.“

„Sex and Crime: Die Wahrheit ist der beste Krimi“ heißt das aktuellste Buch von Püschel und Mittelacher, das im März veröffentlicht wurde. „Das Böse kann überall lauern“, sagte die Wedeler Autorin. „Ich schreibe über ziemlich fiese Fälle und Geschichten.“ Das Besondere: Alle Geschichten sind reale Straftaten – vor allem Mordfälle. „Viele fragen mich, ob man abstumpft. Nach 30 Jahren in dem Job bin ich vermutlich etwas abgestumpft, wenn mich aber eine tragische Geschichte nicht mehr berührt, würde ich den Job wechseln“, erläuterte Mittelachter. Das Schlimmste für sie: „Geschundene und getötete Kinder.“ Immer wieder fragte Mittelacher die teils klitschnassen Besucher, ob sie fortfahren solle. Auch wenn einige sich verabschiedeten, wollten die meisten die komplette Lesung hören.

„Das war heute ein außergewöhnliches Erlebnis“, sagte Frankenfeld nach der Lesung. „Mit meinem Roman fühlte ich mich aber ein wenig wie der Warm-up-Man, bevor meine Frau mit den echten Verbrechen kam.“ Die hakte ein: „Das ist doch nicht wahr. Ich denke, das Konzept ist schön, eine ausgedachte Geschichte und echte Kriminalfälle. Das ergänzt sich sehr gut.“

„Es ist toll für den Streuobstwiesenverein, dass wir es in der Dreierkombination mit dem Reepschlägerhaus und der Stadtbücherei hinbekommen haben“, sagte Ralph Dieckmann vom Streuobstwiesenverein Apfelsortenvielfalt Wedel. Joachim Röhrig, Kassenwart des Förderkreises Reepschlägerhaus, stimmte zu: „Es ist schön, uns mal an einem anderen Ort zu präsentieren und zu zeigen, dass das Reepschlägerhaus nicht tot ist.“ Auch Büchereileiterin Andrea Koehn betonte: „Ich finde das Ambiente besonders. In der Stadtbücherei sind solche Lesungen noch nicht möglich, wie arbeiten aber daran.“ Für Frankenfeld war nicht nur das Ambiente besonders: „Es ist natürlich auch ein Heimspiel. Viele Freunde waren unter den Zuschauern. Das macht einfach Spaß und man fühlt sich wohl.“ Daher lobte er die Organisatoren, die der Krise getrotzt haben: „Wir lassen uns von der Pandemie nicht den Spaß und die Kultur versauen, sondern machen einfach weiter.“

Weiter geht es für Mittelacher und Frankenfeld beim 14. Hamburger Krimifestival auf Kampnagel. Am Mittwoch, 4. November, heißt es „Sex & Crime: Neue Fälle aus der Hamburger Rechtsmedizin“, wenn Mittelacher zusammen mit Püschel liest. Frankenfeld ist am Freitag, 6. November, dran. Er sagte lachend: „Ich werde als Newcomer geführt. Mit fast 70 Jahren eine tolle Sache.“

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