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Wedel-Schulauer Tageblatt

17. Dezember 2017 | 21:06 Uhr

Wedel : Feiern mit „Ersatzoma und -opa“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Familie Mahdi berichtet von Weihnachtsfeiern in ihrer Heimat Irak, wie sie die Feiertage verbringt und wie ihr größter Wunsch lautet.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2015 | 09:36 Uhr

Wedel | „Ich habe das Gefühl, Weihnachten wird im Irak mehr gefeiert als in Deutschland“, sagt Khalil Mahdi vor seinem zweiten Weihnachtsfest in Wedel. Damit überrascht der Iraker sogar Martin und Birgit Schumacher, die die sechsköpfige Familie in der Rolandstadt betreuen. Wobei Birgit Schumacher das Wort „Betreuer“ schon lange nicht mehr gefällt: „Wir sind schon lange keine Betreuer mehr, sondern Freunde.“

„Sie bekommen die volle Dröhnung Weihnachten vom Adventskalender über den Nikolausstiefel, Kekse backen, Weihnachtsmarkt und am ersten Feiertag ein gemeinsames Weihnachtsessen“, verkündete Martin Schumacher lachend. Zusammen hatten er und seine Frau mit den Mahdis zudem das Weihnachtsstück „Piraten im Weihnachtsstress“ im Theater Wedel besucht. „Mehr Weihnachten geht nicht“, sagte Schumacher bevor Familienvater Khalil Mahdi sein Smartphone zückte. „Das Bild ist von meiner Schwester“, sagte er, während er ein Foto des Weihnachtsmanns präsentierte. Dann blätterte er weiter. Zu einem Kind, das den Weihnachtsmann auf einer Straße im Irak bestaunt und einem Geistlichen, der den in rotem Mantel gekleideten Weihnachtsmann die Hand schüttelt. „Der ganze Irak ist jetzt weihnachtlich geschmückt“, sagt Khalil Mahdi und ergänzt: „Da Christen und Moslems zusammen feiern, wird wohl mehr gefeiert. Und vor allem dekoriert.“ Die Aufnahmen wirken wie eine Mischung aus zwei Kulturen. Irakische Gebäude, Würdenträger und Orte zusammen mit teils übertriebenen amerikanischen Weihnachtsdekorationen. „Es gibt aber nicht den religiösen Hintergrund“, sagt Khalil Mahdi. Birgit Schumacher hakt ein: „Weihnachten ist auch hier nicht mehr nur religiös. Es feiern fast alle.“ 2008 wurde der 24. Dezember erstmals offiziell zum Feiertag erklärt. Wirtschaftsexperten sehen in den Feiern des Weihnachtsfests im Irak vor allem amerikanische Einflüsse.

Die Kinder haben zum Nikolaus – typisch amerikanisch – Socken aufgehangen. Für Ibrahim (9) gab es eine Gitarre aus Lego, Samaa (12) und Shorook (10) bekamen Schulranzen. „Wow. Das gibt es bei uns ja eigentlich erst zu Weihnachten“, staunt Birgit Schumacher. Und natürlich haben die drei Wunschzettel geschrieben. Und Mohammed, mit fünf Jahren der Jüngste der vier Geschwister, bei seinem geholfen. „Ich war richtig clever und habe mir Bunt- und Bleistifte für die Schule gewünscht“, sagt Samma. Ihre Schwester wünschte sich einen neuen Ranzen. „Den habe ich ja schon vom Nikolaus bekommen. Daher wünsche ich mir jetzt eine Nintendo Wii“, sagt Shorook. Als Ibrahim loslegt, müssen alle lachen. „Als ich klein war, habe ich mir noch Lego gewünscht“, sagt der Neunjährige mit der Inbrunst der Überzeugung, nun schon groß zu sein. Was er aber auf den Wunschzettel geschrieben hat, will dem Kicker des SC Cosmos nicht einfallen.

Weihnachten ist für die Familie fast schon Stress. Heiligabend wird bei den Schumachers gefeiert. „Die Kinder mögen Nudeln sehr gern. Da ich kein großer Koch bin, gibt es meinen berühmten Makkaroniauflauf. Allerdings in zwei Varianten mit und ohne Fleisch, da die Kinder kaum Fleisch essen“, verrät Martin Schumacher das Weihnachtsmenü. „Im Irak trifft man sich mit der ganzen Familie. Oma, Opa, Tanten, Onkel – alle sind dabei“, sagt Khalil Mahdi sehr ruhig. Fast andächtig. Birgit Schumacher versucht die Stimmung zu heben und sagt lachend: „Jetzt sind wir Ersatzoma und -opa.“ „Das seid ihr“, sagt Khalil Mahdi nickend, während Ibrahim seiner „deutschen Oma“ in den Arm fällt. Am ersten und zweiten Feiertag ist die Familie bei Nachbarn eingeladen, die auch Sprachtraining geben.

Wo sind denn die Unterschiede zwischen Weihnachten im Irak und Deutschland? „Adventskalender gibt es im Irak nicht“, sagt Shorook, und Samaa ergänzt mit kritischem Blick: „Wir mussten auch nicht jede Woche eine Kerze zum Advent anzünden.“ Mutter Israa hat beim gemeinsamen Backen einen Unterschied festgestellt: „Der Teig ist im Irak viel süßer. Wir verwenden mehr Zucker.“ Und noch ein Unterschied fällt Khalil Mahdi ein: „Im Irak wird vom 24. auf den 25. Dezember nicht geschlafen. Dann gibt es wie Silvester ein großes Feuerwerk.“

Nach dem ersten Irakkrieg verließ die Familie bereits im Jahr 2000 ihre Heimat und zog nach Libyen, wo Familienvater Khalil Mahdi als Ingenieur bei einer Ölraffinerie arbeitete. „Ich hatte ein sehr gutes Gehalt, wir hatten ein Haus mit zwei Etagen und Meerblick“, erinnert er sich. Nach dem Fall des Regimes von Saddam Hussein wollte die Familie in ihre Heimat zurückkehren, doch blieb ihre Heimatprovinz Diyala umkämpft. 2005 war dort Al-Quaida, dann kam der sogenannte Islamische Staat (IS). Dieser sorge auch dafür, dass die Familie 2014 mit dem Schiff aus Libyen nach Deutschland floh. „Mein Vater wurde von IS-Kämpfern getötet“, sagt Khalil Mahdi. Er sei General im Irak gewesen und hätte sich offen gegen radikale Islamisten gewendet. Auch Khalil Mahdi äußerte sich gegen den IS. Er bekam Droh-SMS. „Wir entführen deine Frau“ oder „Wir werden dich töten“, waren die klaren Botschaften. Als Milizen vor seinem Haus mit Maschinengewehren in die Luft schossen, entschieden sich Israa und Khalil Mahdi zur Flucht. Sie zahlten Schleppern 6000 Dollar für den Platz auf einem überfüllten Schiff, das sie nach Europa brachte. Wo genau sie landeten, wissen sie nicht. Es ging weiter nach Norden. Erst nach München, dann nach Hamburg und von dort aus mit dem Taxi zur Erstaufnahmestelle nach Neumünster. Seit gut einem Jahr lebt die Familie in Wedel. Der Bleibestatus ist noch nicht geklärt.

Daher ist der Weihnachtswunsch von Khalil Mahdi nur verständlich: „Ich hoffe, dass es Frieden in der ganzen Welt gibt. Ein kleiner Wunsch wäre, dass es in Neumünster gut läuft.“ Am 7. Januar hat die Familie dort ihr Gespräch beim Bundesamt für Migration, das darüber entscheidet, ob der Asylantrag anerkannt wird. „Wir hoffen auch, dass das Interview in Neumünster gut ausgeht. Sie gehören zu den Härtefällen mit sehr langer Wartezeit. Das belastet natürlich sehr“, sagt Martin Schumacher. Der neunjährige Ibrahim mischt sich ein. In seiner Stimme liegt die Mischung aus Stolz über sein Wissen und ein wenig Traurigkeit, dass es nicht doch so sein könnte: „Das kann der Weihnachtsmann aber nicht bringen.“ Die ganze Familie hofft, in Deutschland bleiben zu dürfen. In Sicherheit. Nur ein kleiner Wunsch? „Es ist unser größter Wunsch, dass wir bleiben dürfen“, sagt der Familienvater mit Hoffnung in der Stimme.

„Wichtig wäre mir aber auch, dass es keine Probleme mehr im Irak gibt“, fährt Khalil Mahdi fort. Diesmal schalten sich seine beiden Töchter in das Gespräch ein: „Du meinst nicht Probleme, sondern Krieg. Der soll aufhören.“ Khalil Mahdi nickt schweigend.

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