zur Navigation springen

Notizzettel pflastern die Wohnung : Familie aus Wedel nimmt Flüchtling auf

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Familie Frerks stellt Gästezimmer für Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung. „Es ist wie eine Wohngemeinschaft“.

shz.de von
erstellt am 12.Nov.2015 | 12:15 Uhr

Wedel | „Blume“, „Ich gehe spazieren“ oder „Vielen Dank“ steht auf den gelben Klebezetteln, die an der Wohnzimmertür von Familie Frerks kleben. Vereinzelt sind sie auch noch an Gegenständen wie einem Blumentopf zu finden. „Am Anfang war alles voll damit. Auch in der Küche an Töpfen und Pfannen“, erinnert sich Eike Frerks. Mit den Zetteln, beschrieben auf Deutsch und Dari, Amtssprache in Afghanistan, wollte sie zusammen mit ihrem Mann Marcus sowie den Söhnen York und Thies ihrem neuen Mitbewohner den Alltag erleichtern. Seit Ende September lebt Sayed Naim Sadat im Gästezimmer der Familie. Der 30-Jährige floh aus Afghanistan, ist seit sechs Monaten in Deutschland, seit vier in Wedel. In seiner Heimat war er als Fahrer für ein Bauunternehmen tätig, das Straßen für die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) baute. Nach der Beendigung des Nato-Mandats wurde Sadat zwei Mal überfallen und musste um sein Leben fürchten. Er floh.

„Wir haben von der Flüchtlingswelle in den Medien gelesen und wollten uns einbringen“, erinnert sich Eike Frerks. Da beide Eheleute berufstätig sind, schränkte dies die Möglichkeiten ein. „Wir haben dann überlegt, dass wir ein Gästezimmer frei haben und dass andernorts Menschen in Zelten übernachten“, sagt die 44-Jährige. Im Familienrat wurde beschlossen: Das Zimmer soll einem Flüchtling zur Verfügung gestellt werden. „Uns war es eigentlich egal. Wir konnten uns nicht richtig etwas darunter vorstellen“, sagt der 16-Jährige York. Seine Mutter ist überzeugt: „Über manche Dinge sollte man nicht so lange nachdenken. Da muss man auf das Bauchgefühl hören.“

Der Kontakt zum neuen „Untermieter“ kam zufällig zu Stande. Eike Frerks und Hannelore Leprich lernten sich bei einem VHS-Kursus kennen. Thema war dabei auch die Möglichkeit der privaten Unterbringung. Keine 24 Stunden später wurde das Thema für Leprich präsent. Sadat bat die 61-Jährige, die seit der ersten Versammlung im Rathaus in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, um Hilfe. „Ihm hat es in seiner bisherigen Unterkunft nicht gefallen“, erinnert sich Leprich. In der Notunterkunft am Redder teilte sich Sadat zwei Zimmer mit drei anderen Männern. „Ich hatte ständig Kopfschmerzen, weil sie viel geraucht haben“, sagt der 30-Jährige in gebrochenem, aber verständlichem Deutsch. Während er täglich die freiwilligen Sprachkurse besuchte – für die staatlichen Angebote fehlt ihm noch der passende Status –, hätten die Mitbewohner die Nacht zum Tag gemacht. „Sie haben geraucht und getrunken. Es war nicht gut“, so der 30-Jährige.

Leprich rief Eike Frerks an, und drei Tage später traf die vierköpfige Familie erstmals auf den heutigen Mitbewohner. „Man muss sich natürlich sympathisch sein, und das waren wir uns beim ersten Treffen auf Anhieb“, sagt Marcus Frerks. Nur eines stand dem ganzen fast im Wege: Bayern München als Lieblingsverein. „Wir haben überlegt, ob das überhaupt geht“, sagt Vater Frerks grinsend und ergänzte: „Bei uns sind Dortmund und Hamburg angesagt. Aber er ist ja mehr Fan von Real Madrid als den Bayern. Das ging also.“ Familie Frerks wandte sich an die Stadt und stellte einen „Untermietvertrag“. Noch bevor die Verwaltung entschieden hatte, zog Sedat ein. Acht Tage nach dem Kennenlernen. „Er kam mit einem Freund und zwei Koffern“, berichtet Eike Frerks. Zehn Quadratmeter im ersten Stock des Einfamilienhauses sind nun sein Reich.

Während Sedat Deutsch lernt, erweitert auch die Familie ihre Fremdsprachenkenntnisse. „Wir lernen nebenbei Dari. Das ist echt einfach“, sagt York. Die Blicke der anderen Familienmitglieder sind nicht gerade zustimmen. Daher betont er: „Es ist wirklich einfach.“

An das deutsche Essen hat sich Sedat nicht gewöhnt. Es verursacht Magenproblem. „Zu wenig Öl“, sagt er mit breitem Lächeln. Daher kocht er zumeist selbst für sich. „Die Abläufe sind schon parallel“, sagt Marcus Frerks. Seine Frau erläutert: „Es ist wie eine Wohngemeinschaft. Er ist sehr selbstständig.“ Sprachliche Probleme werden mit Händen, Füßen, einer Mischung aus Deutsch, Englisch sowie Dari-Wörterbüchern gelöst. „Wenn wir gar nicht weiterkommen, sagen wir: ,Da reden wir in drei Wochen noch mal drüber.‘ Das ist unser Running Gag“, sagt Marcus Frerks. Er will anderen Mut machen, selbst Räume anzubieten: „Wir haben aus dem Bekanntenkreis die Rückmeldung: ,Wir haben auch Platz – wie macht man das denn?‘ Ich hoffe, dass sich mehr Menschen melden. Wir finden es sehr positiv und es bereichert unser Leben.“ Seine Schwester überzeugte er bereits. Sie nahm einen unbegleiteten Jugendlichen auf. Sadats Fazit: „Marcus gut. Eike gut. York gut. Thies gut. Hannelore gut. Alles gut.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen