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Neue Stolpersteine : Erinnerung, die nicht enden darf

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Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Mahnmal: Der Künstler Gunter Demnig verlegt in Wedel zwei neue Stolpersteine. Die NS-Opfer sind Franz Borchert und Gertrud Kroll.

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Wedel | Gunter Demnig arbeitet ruhig und routiniert. In das Loch der ausgehobenen Gehwegplatte schüttet der Künstler Zement. Diesen vermischt er mit dem Untergrundsand und setzt geschickt zwölf Betonpflastersteine so im Karree zusammen, dass in der Mitte ein quadratisches Loch übrigbleibt. Gerade groß genug für einen Stolperstein.

Unzählige dieser Stolpersteine in mehr als 1000 Orten Deutschlands und Europas hat der Initiator des größten dezentralen Mahnmals seit 1997 verlegt. Gestern sind zwei neue in Wedel hinzugekommen. Unter großem Anteil vieler Gäste wurden die Messing-Gedenktafeln für Franz Hinrich Borchert (1912 bis 1937) und Gertrud Julie Fanny Kroll (1895 bis 1944) vor deren jeweils letztem Wohnort ins Trottoir eingelassen.

Epilepsie und Wochenbettdepression

Beide Wedeler fielen dem organisierten Krankenmord, dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, zum Opfer. Das Vergehen von Borchert: Er war Epileptiker. Mit seiner Frau Johanna lebte der Arbeiter in der damaligen Hörnstraße 1, heute Rudolf-Höckner-Straße. 1936 wurde Borchert wegen seiner Erkrankung in die Heilanstalt Neumünster eingeliefert, am 14. Februar 1937 verstarb er dort. Kroll litt nach der Geburt ihres fünften Kindes, das im August 1929 zur Welt kam, unter schwerer postnataler Depression, was damals als Nervenkrankheit behandelt wurde. Sie soll versucht haben, ihren Sohn zu ersticken. Das konnte ihr Mann verhindern. Danach wurde auch sie in die Landesheilanstalt eingewiesen. Kroll wurde mehrfach verlegt und starb am 4. November 1944 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen. Ihr letzter Wohnort in Wedel lag im Breiten Weg 103.

Während Demnig den Stein Borcherts versenkt, gemahnt Sonja Strecker, Lehrerin an der Gebrüder-Humboldt-Schule, an den Sinn von Erinnerung. Nachdem die Schülerprojektgruppe, die die Lebensläufe für die ersten drei Wedeler Stolpersteine recherchiert hatte, ihre Arbeit aufgeben musste, hatte sie allein weitergemacht. „Die Schicksale haben mich einfach nicht losgelassen“, begründet Strecker ihr weiteres Engagement. Erinnerung sei ein wesentlicher Aspekt von Identität, müsse in die Zukunft weisen, den Opfern gedenken und die Gefahr der Wiederholung bannen, erläutert die Lehrerin.

Die Lebensläufe für die ersten drei Stopersteine hatten die Schüler der Gebrüder-Humboldt-Schule recherchiert, die jetzigen zwei erforschte Lehrerin Sonja Strecker (l.).
Die Lebensläufe für die ersten drei Stopersteine hatten die Schüler der Gebrüder-Humboldt-Schule recherchiert, die jetzigen zwei erforschte Lehrerin Sonja Strecker (l.). Foto: Inge Jacobshagen
 

Der Künstler hat derweil Zement und Sand ausgeschüttet. Mit einer Bürste verteilt er die Stoffe in die Fugen. Zuletzt zieht Demnig ein Taschentuch aus der Hosentasche und poliert das Messing. Danach legen die Besucher ihre Blumen ab. Auch der Enkel von Borchert, Dieter Borchert, und am Stolperstein Krolls Kathleen Wöbcke, die Schwiegertochter der Ermordeten.

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