Erhaltungssatzung nichts wert?

Die Immobilie in der Rolandstraße 11 steht zum Verkauf – als Doppelhaus oder Bauplatz, wie es im Exposé heißt.
Die Immobilie in der Rolandstraße 11 steht zum Verkauf – als Doppelhaus oder Bauplatz, wie es im Exposé heißt.

Grüne prangern drohenden Abriss eines weiteren Altstadthauses in der Rolandstraße 11 an / Verwaltung beruft sich auf neues Planrecht

shz.de von
05. Juli 2018, 16:00 Uhr

Was ist Wedel die Erhaltungssatzung für bauliche Anlagen in der Altstadt noch wert? Fragt man die Grünen, so dürfte die Antwort etwa lauten „Nicht viel bis gar nichts“. Nach 2016 beim Abbruch des Hauses Am Marktplatz 1 prangert die Fraktion erneut das Verschwinden respektive den möglichen drohenden Abriss eines historischen Gebäudes an. Aktueller Fall: das Doppelhaus in der Rolandstraße 11, fast unmittelbar an der Straße, Baujahr: „zirka 1870“. So schreibt es das Maklerbüro, das die Immobilie in einem achtseitigen Exposé als „Doppelhaus im Schweden-Stil plus Remise“ oder wahlweise als „Bauplatz“ anbietet.

Durch Zufall sei man auf eine Anzeige für die Immobilie im Internet gestoßen, so die Grünen – inklusive Hinweis auf die Möglichkeit, die vorhandenen Gebäude durch zwei Neubauten zu ersetzen, für die bereits ein positiver Bauvorbescheid der Stadt vorliege. Unverständlich für Grünen-Fraktionschef Olaf Wuttke: „Von all dem hat es die Verwaltung nicht für notwendig erachtet, die politischen Gremien wenigstens zu unterrichten, geschweige denn deren Meinung dazu abzufragen.“

Wuttke wurmt der Fall umso mehr, als das Grundstück eben im Geltungsbereich der 1987 beschlossenen Erhaltungssatzung für einen Teil des Sanierungsgebiets „Altstadtrandzone“ liegt. Die beschreibt das Gefüge der Altstadt als, so wörtlich, „ in charakteristischer Weise durch die kleinteilige Baustruktur mit ein- bis zweigeschossiger Bebauung im ortstypisch ländlichen Heimatstil (roter Backstein) bzw. in den um die Jahrhundertwende vorherrschenden Stilrichtungen bestimmt.“ Die Bebauung entspreche dem altstädtischen Grundriss Wedels. „Dadurch werden das Ortsbild und die Stadtgestalt besonders geprägt“, heißt es weiter in der Satzung – die eben diese Bebauung schützen soll.

Wuttke sieht in der Rolandstraße 11 ein Paradebeispiel für erhaltenswerte Altstadthäuser. „Der 150 Jahre alte Bau erfüllt diese Kriterien par excellence“, sagt der Grünen-Fraktionschef. „Aber anscheinend darf er mit der Sensibilität einer Planierraupe trotzdem plattgemacht werden. Denn für unsere städtischen Planer und Planerinnen spielt das offenbar keine Rolle, falls zutrifft, dass es tatsächlich bereits eine Abriss-(Vor-)Genehmigung gibt.“

Für den Grünen-Chef stellt sich angesichts eines möglichen neuerlichen Verlusts eines historischen Gebäudes die Grundsatzfrage: „Wenn diese Erhaltungssatzung sowieso ständig unbeachtet in den Rathausschubladen liegen bleibt, warum beantragt die Verwaltung nicht einfach, sie aufzuheben? Weil sie einen Entrüstungssturm in der Öffentlichkeit befürchtet?“

Auf Tageblatt-Anfrage bestätigte die Verwaltung, dass tatsächlich ein Bauvorbescheid für das Grundstück vorliegt, datiert auf 23. September 2017. Stadtsprecher Sven Kamin verdeutlicht indes auch: Der Bescheid beruhe auf von der Politik abgesegnetem Planungsrecht. „Der Bauvorbescheid steht baurechtlich im Kontext des Bebauungsplans 105 a ‚Hörnstraße, Teilbereich Nord‘ von 2002. Das seinerzeitige Bauplanungsverfahren hat selbstverständlich die Erhaltungssatzung von 1987 berücksichtigt und dahingehend weiterentwickelt, sodass der Bauvorbescheid den politischen Willen, nämlich eine maßstabsgerechte Bebauung des Grundstücks, umsetzt“, so Kamin. Und: „Die Verwaltung darf geltendes Planrecht nicht beugen.“

Wuttke nennt diese Antwort „armselig“ und insistiert: „Wozu haben wir eine Erhaltungssatzung, wenn wir sie nicht anwenden?“ Zumal mit dem B-Plan und der Satzung zwei konkurrierende Rechte gelten würden. Der Grünen-Fraktionschef zeigt sich darüber hinaus befremdet, dass er auf seine Nachfrage zu eben dieser Konkurrenz im nichtöffentlichen Teil des jüngsten Planungsausschusses keine Antwort und auch keinen Hinweis auf den erteilten Bauvorbescheid erhalten habe. „Wo bleibt da das Vertrauen, das die Verwaltung von der Politik erwartet, in Gegenrichtung?“, so Wuttke.

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