Er kennt alle Schiffe auf der Elbe

Wolfgang Eder in der Kajüte im Willkomm Höft. Hier war schon sein Vater 25 Jahre lang tätig.
Wolfgang Eder in der Kajüte im Willkomm Höft. Hier war schon sein Vater 25 Jahre lang tätig.

Wolfgang Eder ist neuer Kapitän am Willkomm Höft / Schon sein Vater begrüßte bis vor 25 Jahren die Gäste aus anderen Ländern

shz.de von
24. Juni 2019, 16:00 Uhr

Wedel | Er kennt jedes Schiff, das die Elbe hoch- oder herunterstampft, mit Vor- und Nachnamen und hat den Qualm des Schiffsdiesels schon im Kinderwagen eingeatmet. Jetzt begrüßt er die Frachter und Passagierdampfer, freut sich, wenn Gäste und Seeleute an der Reling stehen und zum Restaurant Willkomm Höft hinüberwinken, während die Hymne des Landes ertönt, in dem der vorbeiziehende Pott registriert ist.

Der Neue in der weltbekannten Schiffsbegrüßungsanlage heißt Wolfgang Eder und ist eigentlich ein alter See-Hase. Dazu kommen noch ein paar Daten, die den Mann mit den goldenen Litzen an der Kapitänsuniform mit der Schiffsbegrüßungsanlage verbinden. Am 12. Juni 1952 ertönte sie in Schulau zum ersten Mal über die Lautsprecher, genau eine Woche später wurde Eder geboren. Er wuchs in Wedel auf, fuhr nach der Schule mit dem Fahrrad zum Willkomm Höft und ging dort den Begrüßungskapitänen solange auf den Wecker, bis sie ihn zum Assistenten schulten. Fortan beobachtete er dort mit dem Fernglas, wer aus Hamburg heraus- oder von der Elbmündung heraufkam und brachte den Namen zum Käpt‘n, damit der die entsprechende Hymne auflegen und die zu dem Schiff gehörenden Informationen hinausposaunen konnte.

1975 erfuhr Eder, dass der fast 80 Jahre alte Begrüßungskapitän Schriever aus Altersgründen aufhören wollte und riet seinem Vater, den „Traumjob für Rentner“ anzunehmen. Dieter Eder folgte dem Ratschlag seines Jungen und hielt lange oben in der Kajüte mit der glorreichen Aussicht durch, vor 25 Jahren auf den Tag genau musste er das Mikrofon im Willkomm Höft niederlegen.

Wolfgang Eder hat am 1. Juni die Kapitänsjacke angezogen und sich blitzschnell eingearbeitet. Für ihn kein Problem, hat er doch Schifffahrtskaufmann gelernt und bis 2017 als Fachredakteur für Schifffahrt einen täglichen Hafenbericht geschrieben, in dem es vom Schiffsunfall auf der Elbe bis zur Schiffstaufe in Shanghai ging.

Seine Frau Bozena, die ursprünglich aus Stettin kam, öffnete ihm durch ihre Kenntnisse die damals noch streng verschlossenen Türen der Werften in Polen, so dass er auch dort bald bestens Bescheid wusste.

Zwei Jahre musste er nach seiner Verrentung warten, bis ein Kapitänsstuhl am Willkomm Höft frei wurde. Aber dann holten sie den ausgewiesenen Fachmann sofort. Eder zog sogar für seinen Traumjob aus einem kleinen Ort in Dithmarschen nach Barmstedt. „Jetzt brauche ich nur noch eine halbe Stunde bis nach Wedel“, freut er sich und düst an die Elbe. Dort taucht von links eine riesige dunkle Wand im Fenster auf. „Die Ever Glory der Reederei Evergreen“, sagt er sofort und greift zum Mikrofon, um Schiff und Besatzung zu begrüßen.

Wie viel Einfühlungsvermögen und Leidenschaft Eder für seinen Job aufbringt, macht er auch am Umgang mit der Besatzung der Schiffe deutlich. Da greift der Kapitän eines unter Liberia-Flagge fahrenden Schiffes zum Telefon und bittet für seine vorwiegend indische Besatzung um die indische Hymne, die würden sich darüber freien. Kein Problem für Eder. Schließlich hat er die Nationalhymnen von rund 120 zur See fahrenden Nationen auf dem Computer.

Aber auch sonst hat er viel Verständnis für Schiffs-Fans. Gestern morgen um sechs Uhr kamen bei ihm schon zwei Anrufe, wann denn die Queen Mary 2 in Wedel vorbei komme. Sie ist vorbeigekommen, begrüßt von Wolfgang Eder.

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