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Wedel-Schulauer Tageblatt

15. Dezember 2017 | 04:01 Uhr

Entschleunigung muss warten

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Interview Pastorin Susanne Huchzermeier-Bock im Gespräch über den Familien-Spagat, Advent und ein Weihnachtsmann-Trauma

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2016 | 16:00 Uhr

Über Weihnachten frei? Das hat Susanne Huchzermeier-Bock, Mutter dreier Kinder, in den letzen 25 Jahren nur während ihrer Elternzeiten erlebt. Im Interview schildert die 53-Jährige, die seit 1991 als Pastorin in Wedel und Holm unterwegs ist, was sie mit Vorweihnachtszeit und den Festtagen verbindet.

Frau Huchzermeier-Bock, die Vorweihnachtszeit, vor allem Weihnachten, das soll ja Zeit des Innehaltens, der Entschleunigung, der Besinnlichkeit sein. Schaffen Sie das auch?
Susanne Huchzermeier-Bock: Bedingt. Ich versuche mir meine stillen Zeiten zu nehmen, tatsächlich bin ich viel unterwegs und dadurch auch immer leicht in Hetze. Das liegt aber nicht nur an meinem Beruf, sondern auch an unserer komplizierten familiären und beruflichen Situation. Mein Mann arbeitet tageweise in Braunschweig. Gerade im Blick auf die Kinder bedarf es da detaillierter Absprache und Organisation. Das klappt natürlich nicht immer. Dazu kommt das Ehrenamt im Kirchenkreis, das mich mitunter auch im Advent halbe Tage und Abende bindet. Ja, meine Kinder erleben mich dann schon gestresst.  .  . und nicht so entschleunigt. Nach Weihnachten aber gelingt das durchaus, da habe ich Urlaub. Alle sind zu Hause, wir fahren Familie und Freunde besuchen oder bekommen selber Besuch.

Wie sieht Ihr Arbeitstag Heiligabend aus?
Ich habe um 15 Uhr Gottesdienst in Holm und um 23 Uhr in Wedel. Dazwischen werden wir unsere eigene Feier haben, und so kennt meine Familie das auch. Wir haben in der Regel eher später am Abend als andere Familien Bescherung. Besinnlichkeit „gelingt“ aber im vorhandenen Zeitfenster. Ich kann unterm eigenen Tannenbaum gut abschalten zwischen den Gottesdiensten.

Sind Ihre Kinder und Ihr Mann mit in den Gottesdiensten?
In „den“ Gottesdiensten auf keinen Fall, höchstens in einem. Ich würde mal sagen, einer ist „Pflicht“.

Wer sagt das? Sie oder die Familie?
(Lacht) Das ist ein stilles Agreement.  .  .

Haben Ihre Kinder an den Weihnachtsmann geglaubt?
Ich persönlich habe da eine Art traumatisches Erlebnis. Ich bin nicht mit dem Weihnachtsmann, sondern mit dem Christkind groß geworden und habe auch fest dran geglaubt. Im ersten Schuljahr hat dann ein Mädchen mir erzählt, dass ihre Mutter nachmittags nicht da wäre, sondern zum Weihnachtsmann führe, um Geschenke einzukaufen. Ich war sehr empört und sagte: Erstens gibt es keinen Weihnachtsmann und zweitens werden Geschenke nicht gekauft. Wir haben uns richtig in die Haare gekriegt. Danach habe ich das meiner Mutter erzählt. Sie klärte mich schließlich auf: Die Geschichte vom Christkind erzähle man für die Kinder, weil man damit alles noch ein bisschen schöner machen möchte. Ich konnte das nicht akzeptieren, empfand es als Lüge und habe meinen Eltern noch viele Jahre deswegen Vorwürfe gemacht.

Die Freundin hat Ihnen also Weihnachten ein Stück weit entzaubert?
Ich habe mir jedenfalls schon in jungen Jahren geschworen, ich werde das meinen Kindern so nicht erzählen. Die biblische Geschichte von der Geburt Jesu ist mystisch und geheimnisvoll genug.

Und für Ihre Kinder gab es keinen Weihnachtsmann?
Die bekamen das natürlich irgendwo mit und haben dann auch eher an den Weihnachtsmann als an das Christkindchen geglaubt.

Sie haben es auch nicht unterbunden?
Nein, da bin ich ganz undogmatisch. Aber ich habe es eben auch nicht genährt. Meine Kinder haben das – glaube ich – nie so als eigene mystische Welt empfunden wie ich.

Was ist denn für Sie ein absolutes „Geht gar nicht“ zur Weihnachtszeit?
Ich bin irritiert, wenn mir bereits am ersten Advent jemand frohe Weihnachten wünscht. Das ist für mich erst in den letzten Tagen vor Weihnachten dran. Vorher ist Advent.

Was bedeutet Advent für Sie?
Der „lebendige Adventskalender“ ist eine schöne Form, wie man sich zusammen mit anderen auf das Weihnachtsfest freuen kann und es erwartet. Dass man nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich abends die Türen öffnet für Nachbarn und andere Gäste. Die Menschen haben zur Zeit Jesu auf „eine bessere Welt“ gewartet, und in gewisser Weise tun wir das auch. Im Advent machen wir es uns bewusst. Vieles ist nicht so, wie wir uns das wünschen. Selber etwas dafür tun, dass sich etwas verbessert – das kann man vom erwachsenen Jesus lernen. Darum geht es meines Erachtens im Advent.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, viele Menschen würden nur zu Weihnachten in die Kirche gehen?
Ich persönlich freue mich „alle Jahre wieder“ gerade auch auf die Heiligabend-Gottesdienste. Die Kirche ist voller Menschen, Gesang und Stille. Ich finde es wunderbar und schade, wenn darüber geschimpft oder gelästert wird.

Was wünschen Sie sich in diesem Jahr zu Weihnachten?
Ich wünsche mir politisch und diplomatisch weltweit Bewegung, die etwas bewirkt, was den Namen Frieden verdient – gerade im Nahen Osten.

Und für sich?
Mehr gemeinsamen Alltag und „freie“ Zeit als Familie.

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