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Theaterwerkstatt Holm : Entfesselte Kräfte der Selbstjustiz

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Beklemmende Premiere der Theaterwerkstatt Holm mit dem Psycho-Thriller „Vier scharfe Richterinnen“. Fünf weitere Aufführungen.

shz.de von
erstellt am 23.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Holm | Im Holmer Dörpshus haben vier Londoner Vorstadtfrauen die Kräfte der Selbstjustiz entfesselt. Mit „Vier scharfe Richterinnen“ hat die Holmer Theaterwerkstatt bei der Premiere einen Mischling aus Psycho-Thriller und Posse auf die Bühne gebracht: ein Wechselspiel aus Beklemmung und hintergründiger Komik. Es ist – nach 18 Jahren – die zweite Inszenierung des Stücks von Leslie Darbon und nach „Mörder mögen's messerscharf“ im April die zweite der Theaterwerkstatt in ihrem 30. Jubiläumsjahr.

Der Suizid der alleinstehenden Rosemary Mancini hat bei ihren Freundinnen folgenreiche Spuren hinterlassen. War Fremdeinwirkung im Spiel? Die Ermittlungen der Polizei hatten nichts ergeben. Aber Maggie (Janine Haan), Jane (Anke Müns), Helen (Gaby Lipp) und Liz (Svenja Kunz) wähnen dennoch einen tödlichen Einfluss, der aufgeklärt werden muss.

Im Verdacht haben sie Vorstadt-Frauenheld Alan Sexton (Marcus Stocker), mutmaßlicher Liebhaber der Toten und Freund von Maggies Ehemann Don (Florian Isachsen). Die Freundinnen wollen über ihn richten – wortwörtlich, in Eigenregie. „Du stehst vor Gericht.“ „Was wollt ihr?“ „Dein Leben.“ Bei den Freundinnen hat sich die übliche Moral verrückt. Sie sind enthemmt.

Als Zeugen Jehovas verkleidet verbreiten die Frauen Psychoterror. Auge um Auge ist die Devise. Maggies alttestamentarischer moralischer Rigorismus ist mit Lust am Enthemmten gepaart. Haans überspannte Maggie ist derart entrückt, dass die Stimmung des ersten Akts beklemmend ist. Wenn sie sich mit Don – angriffslustig gespielt von Isachsen – zofft, ist das, ist sie, quälend.

Die Borgia sind Maggies Referenz, die Diktatur des Wahnsinns. Als sie Frauenheld Sexton an ihren selbstgebastelten elektrischen Stuhl ketten will, um über ihn richten zu lassen, überfordert sie dessen Sinn fürs Erotische: „Ich will von einem Verbrecher vergewaltigt werden.“ Das ist nicht das Metier des Vorstadt-Schürzenjägers. Hier ist er Dilettant. Sein rüder Blick misslingt. Stockers Spiel birgt dessen Komik.

Doch zum Lachen ist dem Publikum nicht zumute. Ohne Funken zu sprühen, fliegt die Komik dieser Inszenierung von Berthold Zacharias weitestgehend unter dem Radar des Lachzentrums hindurch. Maggies Entrücktheit beklemmt und die hölzerne Sprache vor Gericht, an der sich die juristischen Amateure versuchen, strengt an.

Dennoch liegt das Possenhafte des Treibens bloß, wenn Isachsen als Pseudo-Verteidiger mit Notizblöckchen wie ein Kinder-Detektiv dasteht oder er die Hausfrauen darauf hinweist, es könne keinen Wert haben, eine Atheistin die Bibel schwören zu lassen, keinen Wert habe. Müns gibt die oberste Hausfrauen-Richterin mit einem Ernst im Blick, als würde 1945 in Nürnberg prozessiert – und im Hintergrund hängt eine schier hässliche Tapete mit silbern funkelnden Ringen, die wild umher zu schweben scheinen.

Einen großen Auftritt zeigt Kunz mit ihre Quasselstrippe und „Gerichtsschreiberin“ Liz, die als selbstvergessene Zeugin mehr mit dem Versagen des Ehemanns zum Hochzeitstag beschäftigt ist als mit dem Sachverhalt, der über Leben und Tod entscheiden soll.

Für den „Thrill“ und emotionalen Schauer sorgen die, für die tatsächlich etwas auf dem Spiel steht. Stocker brüllt so gegen das Absurde seines elektrischen Stuhls an, dass die Posse in weite Ferne rückt. Obwohl sich Lipp physisch kaum bewegt, versinkt ihre Helen erbarmungswürdig im Stuhl, als sie angegangen wird. Ihr glasiger Blick und ein Zittern lassen das Blut der Zuschauer gefrieren.

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