zur Navigation springen

Wohnprojekt in Wedel : Elbburg-WG feiert Vierzigjähriges

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Neun Wedeler pflegen eine besondere Form des Zusammenlebens in dem ehemaligen Hotel an der Hafenstraße.

Wedel | Jazz- und Harfenklänge umhüllten am Sonnabend die Elbburg. Die Band „Elbsound 5“, Pianist Mathias Christian Kosel und eine Harfen-Spielerin untermalten die Geburtstagsfeier in der Hafenstraße. Die Elbburg feierte ihr 40-jähriges Bestehen. Doch stand die Musik im Hintergrund. An den Tischen im Garten und dem großen Esstisch in der Elbburg aus dem Jahr 1912 wurde eifrig diskutiert – über Fußball, Dax-Vorstände und natürlich die Geschichte der Elbburg. Gespräche waren es, die zur Gründung einer der heute ältesten Wohngemeinschaften in Wedel führte.

„Wir haben darüber gesprochen, wie wir nach dem Studium Beruf und Familie vereinbaren können“, erinnerte Martin Schumacher an die Anfänge der Elbburg. Ein Thema, das auch heute noch diskutiert wird. Damals wurde eine pragmatische Lösung gefunden: eine WG mit Berufstätigen. „Wir hatten einen großen Freundeskreis, der sich regelmäßig getroffen hat. Wir waren etwa 30 Leute, die die Idee hatten, gemeinsam ein Haus zu mieten oder zu kaufen“, sagte Schumacher. Zwei Jahre wurde ein Bauernhaus in Niedersachsen gemietet, wo die Wochenenden und die Urlaube gemeinsam verbracht wurden. Schumacher und seine Frau lebten bereits als WG mit der Familie Rohwer zusammen. Nach dem zweijährigen Test blieben zehn Teilnehmer über. Dann kam der Zufall ins Spiel.

Für 251  000 Deutsche Mark wurde die 1912 erbaute Elbburg erworben. „Das war zunächst ein Hotel, dann ein Etablissement, das einigen älteren Wedelern noch heute ein Lächeln ins Gesicht zaubert, und dann ein Studentenwohnheim. Dann kamen wir“, sagte Schumacher lachend. Das Gebäude wurde komplett umgebaut. Auf vier Etagen entstanden sechs Wohnungen. Das 150 Quadratmeter große Erdgeschoss wurde Gemeinschaftsfläche – im Raum in der Mitte steht der lange Tisch, ins ehemalige Billardzimmer kam ein Toberaum für die Kinder, ins Büro die gesammelten Bücher der Eltern. „Der Kauf des Gebäudes war der glücklichste Tag meines Lebens“, sagte Schumacher. Die Nachbarn fürchteten zunächst die Gründung einer Kommune. „Die haben aber schnell gemerkt, dass es einfach eine andere bürgerliche Wohnform ist“, so Schumacher.

Jedem der heute neun Bewohner gehört ein Neuntel des Gebäudes. Die Wohnungen im Obergeschoss sind mit Bad und Küche ausgestattet. Letztere werden aber selten genutzt. „Früher haben die Kinder jeden Abend gemeinsam gegessen. Heute sitzen wir jeden Abend um 19 Uhr zusammen“, erläuterte Schumacher. Täglich werde darum gewetteifert, wer kocht. Wer nicht teilnehmen kann, muss sich am schwarzen Brett abmelden. „Wir haben einige Bewohner, die es toll finden für zehn, zwölf, 15 Leute zu kochen, denn meistens sind Freunde dabei“, sagte Schumacher. Früher aßen die Erwachsenen nur sonntags zusammen. „19 Uhr Essen, 20 Uhr Tagesschau, 20.15 Uhr Tatort – so ging das Jahrzehnte“, sagte Schumacher lachend.

Mittlerweile sind die Bewohner mit dem Gebäude gealtert. Alle sind im Rentenalter. „Auch im Alter ist es eine Wohnform, die einfach bereichert“, ist Schumacher überzeugt. Die Kinder seien wie Geschwister groß geworden, die Erwachsenen hätten Alltagsprobleme ausgetauscht, mit denen sie sonst nicht konfrontiert gewesen wären. Alles eitel Sonnenschein? „Natürlich gab es Streit wie in jeder Familie“, sagte Schumacher. Doch sei die Auflösung anders: „Man ist nicht als Paar damit alleine, sondern hat viele Menschen, die einem ein Echo geben können.“ Auch Marotten seien kein Problem: „Man hat ja miterlebt, wie sich diese entwickeln und kann damit umgehen.“ Schumacher ist überzeugt: „Diese Wohnform trägt zur Stabilisierung der Ehe bei. Konflikte werden nicht nur zu zweit ausgetragen.“ Nur eine Ehe wurde in der Elbburg geschieden. Ein Single verließ die WG, weil er eine Frau kennenlernte und kein Platz für deren Kinder war. Ansonsten ist die Gründungsgruppe weiter dabei.

Die neun Bewohner und ihre Kinder feierten das 40-jährige Bestehen der Wohngemeinschaft in der Wedeler Elbburg.
Die neun Bewohner und ihre Kinder feierten das 40-jährige Bestehen der Wohngemeinschaft in der Wedeler Elbburg. Foto: Fröhlig
 

„Ich hoffe, dass wir gemeinsam die 50 Jahre erleben. Ein halbes Jahrhundert WG wäre schon was“, sinnierte Schumacher. „Unsere Kinder und Enkel erleben eine andere Arbeitswelt als wir. Es ist nicht reproduzierbar, was wir damals hatten“, weiß Schumacher um die Endlichkeit des Projekts. Diese haben die Elbburg-Bewohner geregelt – in Abstimmung mit ihren Kindern. Die letzten beiden Bewohner müssen das Anwesen verkaufen und in ein Altenheim ziehen. Von dem Geld werden die Erben, die vorher auf ihre Anteile verzichten, ausgezahlt. „Wir werden niemanden mehr neu als Gesellschafter aufnehmen. Unsere Kinder hätten ein Mietrecht, aber ich glaube nicht, dass es jemand nutzen wird“, sagte Schumacher.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 18.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen