Eine Wurzel soll die Bohne ersetzen

Das einzig überlieferte Foto der Fabrik, undatiert. Sie ist längst geschlossen. Ein Asphaltabfüller hatte 1929 übernommen.
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Das einzig überlieferte Foto der Fabrik, undatiert. Sie ist längst geschlossen. Ein Asphaltabfüller hatte 1929 übernommen.

Wedels Industrieanfänge: 1820 baute Christoph Phillip Suden seine Cichorienfabrik in Schulau auf / John Meyn machte sie groß

shz.de von
23. Januar 2018, 16:00 Uhr

Vor den Fakten steht das Experiment: Die Annäherung an Wedels älteste Fabrik geht durch den Magen. Ich sitze mit den Technicon-Mitarbeitern Heinz Gläser, Gerhard Kuper und Sören Karstens in den Räumen der industriegeschichtlichen Sammlung und trinke Cichorienkaffee. Natürlich nicht den, den der Wedeler Christoph Phillip Suden ab 1820 aus der Wurzel der Pflanze als Ersatz für echten Bohnenkaffee extrahierte. Modernen Kaffeeersatz, dessen größte Bestandteile Getreide und Cichorienwurzeln sind.

Das feine Granulat sieht annähernd wie Kaffeepulver aus, jedoch riecht es nicht. Auch beim aufgebrühten, heißen Getränk fehlt der typische Duft. Die tiefschwarze Färbung ist das, was dem Bohnenkaffee am meisten ähnelt. Dem Geschmack allerdings merkt man das Bemühen um Ähnlichkeit allzusehr an. Die Soldaten, die den Cichorienkaffee im ersten Weltkrieg täglich vorgesetzt bekamen, hätten gemeckert, „der schmeckt schon am Vormittag nicht mehr“, weiß Kuper. Man kann es ihnen nachfühlen. Kalt wird das Getränk bitter und überhaupt nichts erinnert mehr an echten Kaffee.

Ob Sudens Cichorienfabrik überhaupt als richtige Fabrik anzuerkennen ist, weiß das Technicon-Team gar nicht so genau. Alles was über die mehr als hundertjährige Geschichte der Anlage bekannt ist, hat eine intensive Recherchearbeit im Stadtarchiv zutage gefördert. Stadtarchivarin Anke Rannegger und die Technicon-Mitarbeiter haben viel aus alten Bauakten herauslesen können. Neben technischen Bauzeichnungen, die beispielsweise die Arbeitsaufteilung in der Mühle und immer wieder Erweiterungspläne zeigen, gibt es auch zwei Fotoaufnahmen. Ein Luftbild von 1936, auf dem die Fabrik gut auszumachen ist, und als einzige authentische Abbildung ein undatiertes Foto, das die Fabrik Jahre oder möglicherweise sogar Jahrzehnte nach ihrer Stilllegung 1929 zeigt. Eine Asphaltabfüllung hatte das Gelände übernommen. Unzählige aufgetürmte Fässer zeugen davon.

Bevor Suden (1770 - 1851) 1820 seine Cichorienfabrik in der Elbstraße Ecke Berthastraße, heute Lithfeld, aufbaute, hatte der Junge aus vornehmer nordhessischer Familie bereits ein wechselvolles Leben hinter sich. Suden, jüngstes von zehn Kindern, wurde früh Vollwaise, dennoch erhielt er wohl eine gute Ausbildung. Er arbeitete als „Revier- und Pürschjäger“ in Pommern, bevor er 1800 in Hamburg auftauchte und bei vermögenden Kaufleuten in Anstellung ging, die in der Herrschaft Pinneberg für die Jagd Ländereien gepachtet hatten. Über die Imkerei in Sülldorf und eine Dorfschullehreranstellung in Rissen kam der jetzt verheiratete Familienvater nach Wedel. „Möglicherweise hat ihm eine Erbschaft die nötige Bewegungsfreiheit für den Grundstock für die Cichorienfabrik verschafft“, heißt es in einer knappen Biografie.

Mit primitivsten Mitteln und in Handarbeit begann Suden, das Kaffeesurrogat zu waschen, zu schneiden, zu rösten und zu mahlen. Dass er die Wurzeln selbst anbaute, glauben die Technicon-Männer nicht. „Er versuchte wohl, die hiesigen Bauern anzuregen, die Wegwarte zu pflanzen. Aber der Sandboden eignete sich nicht. Wahrscheinlich bekam er sie über den Wasserweg geliefert.“

John Meyn, der die Fabrik 1889 von den Söhnen Sudens übernahm, fing Anfang 1900 an, sie auszubauen. Abgeschlossen war das Projekt 1916, sagen die alten Baupläne. „Für die Zeit war sie dann groß – im Vergleich zur Wedeler Zuckerfabrik“, erläutert Kuper. Im Trockenofen mussten die Wurzeln bei 100 bis 110 Grad gedarrt werden. Eine kleinere Dampfmaschine trieb die Mühle zum Mahlen an. Um rieselfähiges, aber genügend festes Schüttgut zu bekommen und für den Geschmack, wurden Additive zugesetzt: Zuckerrüben, Speisefette, Kochsalz und Alkalicarbonate. Im Keller des zweistöckigen Hauses, das zwei markante Schornsteine besaß, war ein großes Lager untergebracht. Papierlager, Tütenmacherei und Versandraum ein Stockwerk höher zeugen davon, dass Meyn das Kaffeesurrogat selbst vertrieben hat. Zudem war der Fabrikant mit einem Stand an der Hamburger Börse vertreten. „Deswegen können wir Meyn auch zubilligen, dass er eine echte Fabrik hatte“, so das Museums-Team.

Wieso Meyn 1929 die Cichorienfabrik aufgab, ist nicht bekannt. Das Geschäft lief gut, den schwarzen Freitag, Kurssturz an der Berliner Börse 1927, hatte er überlebt. „Meyn hat die Weltwirtschaftskrise voll durchgestanden, in der Zeit sogar noch ausgebaut“, wissen Gläser, Kuper und Karstens. Nichtsdestotrotz wurden die Surrogatfabriken zu der Zeit allgemein auch immer weniger.

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