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Wedel-Schulauer Tageblatt

17. August 2017 | 19:57 Uhr

Ein Stück Wedel fliegt im Weltraum

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Hubble Das Weltraumteleskop bezieht seinen Strom aus Solarzellenlaken, die in der Rolandstadt entwickelt und gebaut wurden

Das Ausstellungsstück aus der industrie- und und technikgeschichtlichen Sammlung ist dieses Mal ein Modell, denn das Original ist für uns unerreichbar. Es schwebt hoch oben in der Stratosphäre und umkreist die Erde in einer Bahnhöhe von knapp 600 Kilometern Entfernung. Das Hubble- Weltraumteleskop bekommt seinen Strom von zwei riesigen Solarzellenlaken geliefert, die in Wedel entwickelt und hergestellt wurden. Fürs Technicon baute Heinz Gläser solch ein Sonnensegel, das zwölf mal 2,50 Meter groß ist und – eine der vielen Schwierigkeiten – einrollbar sein musste, aus Baumarktmaterialien nach, damit sich die Besucher ein Bild von der Erfindung machen können.

Schon Mitte der 1970er Jahre experimentierte man bei der AEG in Wedel mit Sonnenenergiesystemen für den Weltraum. Das Nachfolgeunternehmen Telefunken System Technik (TST) war also gut aufgestellt, als die Europäische Weltraumorganisation (ESA) Ende der 1980er Solarzellenlaken für die Hubblemission ausschrieb. Das Besondere an ihnen: „Sie mussten flexibel sein, damit sie auf einer Trommel aufgerollt werden konnten“, erklärt Gläser. Denn der Laderaum des Space-Shuttles, mit dem das Weltraumteleskop befördert werden sollte, hatte einen zylindrische Form.

Die Solarzellen durften also keine starren Strukturen aufweisen. Das Problem lösten die Ingenieure, indem sie auf einen mit Glasfaser verstärken Kunststoff kleinste Solarzellenplättchen aufbrachten, die mit Scharnieren aus Silbermesh verbunden waren. Das Silberstreckmetall ist leitfähig und leicht. Für noch besseren Stromtransport verband ein zusätzlicher Silbermeshfaden auf der Rückseite die Solarrechtecke.

Mit der Aufhängung des Lakens allerdings gab es Probleme, erzählt das Technicon-Team. Die TST-Fachleute hatten ein ausfahrbares Gestänge konstruiert, das aus zwei wie ein C geformten, ineinandergreifenden Federblechen bestand. Ähnlich wie zwei metallene Maßbänder, erläutert Gläser. „Man kann sie flach zwingen und man kann sie aufwickeln“, sagt er und lässt zur Demonstration ein handelsübliches Rollband ausfahren, das fest stehenbleibt. Einen Strich durch die Rechnung machten den Ingenieuren die mächtigen Temperaturunterschiede von -100 bis +100 Grad, die im Weltraum herrschen. „Man dachte, dass, wenn die Metalle sich im Weltraum berühren, ein Temperaturausgleich stattfindet“, erklärt Gläser. Das passierte allerdings nicht. Stattdessen verkeilten sich die C-Rohre, die zusätzlich auch noch korrodierten.

Auch in der Höhe sei der Weltraum nicht frei, erklärt das Technicon-Team. Dort befanden sich mehr Reste von hochagressivem atomarem Sauerstoff als angenommen, mussten die Erfinder in der Praxis erfahren. Die Folge: Zwar klappte das Ausfahren des Gestänges noch, aber es hakte. Ein Ruckeln übertrug sich auf die Objektive des Teleskops, so dass auch die Bilder darunter litten.

Den Konstruktionsfehler konnten die Wedeler allerdings beheben. Denn die ganze Hubble-Mission war zuerst ein spektakulärer Fehlschlag, bilanziert Gerhard Kuper. Bilder, die das Teleskop gleich nach dem Start im April 1990 zur Erde sandte, waren unbrauchbar. Der Grund: Der Hauptspiegel wies einen Berechnungsfehler auf. „Die Optik brauchte eine Brille“, erläutert Kuper. Die Servicemission drei Jahre später brachte Hubble nicht nur ein neues Spiegelsystem, sondern auch neue Solarflügel – in Wedel weiterentwickelt und verbessert – mit einem Gestänge, dass einen Mantel übergezogen bekommen hatte. 

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erstellt am 08.Aug.2017 | 16:00 Uhr

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