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Wedel-Schulauer Tageblatt

24. Oktober 2017 | 08:36 Uhr

Ein modernes Tonstudio für Zuhause

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Die 1950er Das Magnetophon liegt voll im Trend

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Um die Tragweite der Erfindung deutlich zu machen, spielt Gerhard Kuper vom Technicon-Team zwei Einspielungen vor. Auf der ersten eine männliche Stimme, die staatstragend etwas verlautbart. Eine sehr alte Aufnahme, nicht nur am Sprachduktus abzulesen, sondern offenkundig auch am sehr kräftigen Rauschen festzumachen. „Erkennen Sie den?“, fragt Kuper spitzbübisch. Nein, da klingelt nichts. „Das ist Kaiser Franz Joseph von Österreich“, erklärt der Fachmann: „Der spricht auf Draht.“ Das andere Hörbeispiel ist ein musikalisches. Ungarische Musik, aufgenommen in einem Puszta-Keller in Budapest. Auch die Aufnahme klingt ein wenig dumpf, aber die Nebengeräusche sind weitestgehend verschwunden. Dank eines neu entwickelten Tonkopfs, der auch in dem Gerät steckt, das die Musik gerade abspielt: Im Magnetophon M23, dem ersten Objekt unserer neuen Serie, die von heute an immer dienstags Ausstellungsstücke aus der technischen Sammlung Wedels vorstellt.

Das Tonbandgerät, 1958 im Telefunkenhaus in Wedel entwickelt, war zu seiner Zeit ein absolut trendiges Teil. Ein kleines mobiles Tonstudio für Zuhause, das auch in Musikschulen eingesetzt wurde. Ein Röhrengerät für den semiprofessionellen Gebrauch, mit dem man in ausgezeichneter Qualität aufnehmen und abspielen, allerdings nur bedingt die Bänder auch beschneiden konnte, erläutert Kuper. Seinen Anschaffungspreis schätzt das Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Industriegeschichte, die das Technicon aufgebaut hat, auf zirka 1500 DM.


Neu: Ein Ringkopf als Tonabnehmer


Verantwortlich für die Revolution in der Tonaufnahme ist eine Erfindung von Eduard Schüller, der von 1955 bis 1962 die Magnetophonfertigung bei Telefunken in der Hafenstraße leitete. „Ohne Schüller hätte es in Wedel kein AEG und Telefunken gegeben“, betont Kuper. Der überragende Erfinder, wie er in einem 50-seitigen Heft bezeichnet wird, mit dem die Arbeitsgemeinschaft sein Wirken in der Rolandstadt würdigt, hielt fast 100 Patente. Sein Wichtigstes, so Kupers Einschätzung, war der neuartige Tonkopf, wie er auch im Magnetophon M23 steckt.

Magnetaufnahmen gab’s schon länger, erklärt der Fachmann. Bisher allerdings war deren Streufeld riesig, ein großer Nachhall störte die Aufzeichnungen. Schüller untersuchte in seiner Diplomarbeit verschiedene Aufnahmeverfahren und entwickelte den Ringkopf. Der hatte nur ein Streufeld, das gleichzeitig Nutzfeld war, erklärt Kuper, und das den Durchbruch in der Rauschunterdrückung brachte. „Damit hatte der Diplomand ein Problem gelöst, das vorher nicht zu lösen war.“

1933 stellte ihn die AEG als Mitarbeiter ein. Schüller blieb bis 1945 – und darüber hinaus. Wie er dann schließlich nach Wedel kam, darüber hat Kuper ein echtes Schurkenstück zu bieten, einen richtigen Nachkriegskrimi. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands wollte Schüller den Konzern in Berlin wieder aufbauen. Einzig möglicher Kunde für Tongeräte war in der Zeit der Rundfunk. Da Russland im Sommer 1945 in Berlin alleinige Besatzungsmacht war, mussten unterstützende Begleitpapiere in Deutsch und Russisch ausgefertigt sein. Durch die Übersetzung bekamen die Russen mit, was für ein Pfund sie in dem Erfinder und Wissenschaftler hatten – und entschlossen, ihn zu entführen. Das wiederum wurde Schüller gesteckt. „Der ging nicht einmal mehr nach Hause“, berichtet Kuper, sondern gleich zu Fuß Richtung Hamburg.

Materialmangel hatte auch die anderen ehemaligen AEG-Chefs in die Hansestadt getrieben. In Winterhude wurde der Elektronikkonzern dann wieder aufgebaut, mit relativ schnellem Erfolg. Als jedoch Mitte der 1950er Jahre zu den Studiogeräten die Heimgeräte hinzukamen, wurde der Produktionsraum knapp. Im leerstehenden Gebäude vom Puddinghersteller Aromax in Wedel fand man eine neue Wirkungsstätte. Weil die Mitarbeiter auch Wohnraum benötigten, entwickelte Schüller zusammen mit Wedels damaligem Bürgermeister Heinrich Gau das Projekt Gartenstadt Elbhochufer, in dem Telefunken 144 Wohnungen zugewiesen bekam. Auch nach seiner Pensionierung forschte der rastlose Erfinder noch unermüdlich weiter.

 

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