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Wedel-Schulauer Tageblatt

19. Oktober 2017 | 10:49 Uhr

Wedel : Edeltraud Haucks späte Karriere

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

103-jährige Wedelerin stieg mit 50 Jahren bei Nestlé ins Berufsleben ein und leitete die Marktforschungsabteilung.

Wedel | Edeltraud Hauck kennt alle der knapp 150 Mitbewohner in der Kursana-Residenz Wedel und begrüßt sie mit Namen. Auch wenn ihr Gehör in letzter Zeit nachgelassen hat, bemüht sie sich, mit allen ein paar freundliche Worte zu wechseln. Keine Frage, Kommunikation ist die große Stärke der zierlichen alten Dame, die am Montag, 3. November, in der Senioreneinrichtung ihren 103. Geburtstag gefeiert hat.

Dieser Begabung und ihrer Durchsetzungskraft hat die dreifache Mutter eine beispielhafte Karriere in der zweiten Lebenshälfte zu verdanken: 1961, mit 50 Jahren, begann sie als Interviewerin in der Marktforschung zu arbeiten. Zwei Jahre später war sie schon die Leiterin der Abteilung und koordinierte die Einsätze von 50 Kolleginnen in ganz Deutschland.
„Die Kinder waren aus dem Haus, mir fiel die Decke auf den Kopf“, erinnert sich Hauck, die nach dem Krieg mit der Familie in Kaiserslautern sesshaft geworden war. Ihr Mann, Diplom-Landwirt und Kaufmann, hat dort eine Molkerei-Zentrale aufgebaut. „Da fiel mir per Zufall eine Anzeige des Unternehmens Nestlé in die Hände, das Interviewerinnen für den Einsatz in ganz Deutschland suchte. Das sprach mich an, ich wollte gern herumkommen und gestalten.“

Anfang der 1960er Jahre waren im Wirtschaftswunderland Deutschland Fertigprodukte im Kommen. Nestlé arbeitete in großen Versuchsküchen an der Perfektionierung seiner Maggi-Tütensuppen und Instantsoßen. Gestandene Hausfrauen wie Hauck sollten als Botschafterinnen des guten Geschmacks von Tür zu Tür gehen und andere Frauen zu Kostproben der neuen Produkte befragen. Die 1960er Jahre waren aber auch eine Zeit, in der Frauen laut Gesetz nur eine Erwerbstätigkeit aufnehmen durften, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“.

Der Familienrat wurde einberufen

„Ich habe den Familienrat einberufen und alle gefragt, ob sie mit meiner Entscheidung einverstanden sind“, erzählt Hauck und lächelt. „Die Kinder waren auf meiner Seite, mein Mann hat sich enthalten.“ Fortan pendelte sie zwischen dem Haus in Kaiserslautern und ihrer kleinen Wohnung in Frankfurt und führte über einige Jahre zwei Haushalte. Wochentags war sie auf Reisen und ging mit ihren Produkten in die Haushalte, abends im Hotel wertete sie die Fragebögen aus und leitete die Ergebnisse an die Firmenzentrale in Frankfurt weiter. Später zog der Ehemann zu ihr nach Frankfurt. Und als Hauck 1971 pensioniert wurde, folgte er ihr nach Baden-Baden, das sie während ihrer Reisen als Altersruhesitz ausgesucht hatte. „Hier war es ruhig und friedlich, und ich bin viel im Schwarzwald wandern gewesen – das waren meine besten Jahre“, schwärmt Hauck, die 1977 Witwe wurde. Sie fühlte sich in ihrem großen Freundeskreis geborgen und begleitete ihre Kinder auf Urlaubsreisen nach Irland, Kreta, Marokko, Mexiko und in den Libanon.

Als Tochter Christa Hess (76), die seit 1964 in Rissen lebt, ihrer „Mutsch“ 2001 vorschlug, in ihre Nähe in die Kursana-Residenz nach Wedel zu ziehen, stimmte Hauck sofort zu. „Der Garten in Baden-Baden mit seinen vielen Stufen, das hat mich alles überfordert“, sagt die Seniorin. „Und schließlich ist das hier nicht die Walachei, sondern eine schöne Stadt.“ In der Residenz lebte sie sich schnell ein und nahm rege an Mal- und Singkreisen, an Gedächtnisübungen und vielen Kulturveranstaltungen teil. Tochter Christa Hess und Schwiegertochter Heide Hauck (74) besuchen sie häufig, und im Kreis der Kinder, ihrer vier Enkel und sieben Urenkel wird Hauck auch am Wochenende den 103. Geburtstag nachfeiern.

„Ich bemühe mich redlich, aber die Kräfte lassen nach“, sagt die mittlerweile älteste Bewohnerin der Residenz. Vor allem das Handicap der Schwerhörigkeit mache ihr als kontaktfreudigem Menschen zu schaffen. Disziplin, ihr Glaube und auch Humor helfe ihr dabei, trotz aller Einschränkungen zufrieden zu sein. „Aber ehrlich gesagt“, sagt Hauck und schmunzelt. „Ich kann niemandem dazu raten, so alt zu werden.“

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