Drehorgelmusik beim Festivalstart

Die Anstrengung war ihm zum Ende des Konzertes anzusehen: Pierre Charial musste nicht nur das Rad seiner Drehorgel betätigen, sondern auch die schweren Papp-Lochkarten zusammenlegen, einlegen und hin- und her stapeln.
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Die Anstrengung war ihm zum Ende des Konzertes anzusehen: Pierre Charial musste nicht nur das Rad seiner Drehorgel betätigen, sondern auch die schweren Papp-Lochkarten zusammenlegen, einlegen und hin- und her stapeln.

Ungewöhnliche Klänge begeistern das Publikum beim ersten SHMF-Konzert im Haseldorfer Rinderstall

shz.de von
14. Juli 2018, 16:00 Uhr

Es war ein ungewöhnlicher Klangmix, der am Donnerstagabend dem Publikum im ausverkauften Rinderstall präsentiert wurde: Drei Klarinettisten des Trio di Clarone um Weltstar Sabine Meyer, ein Bassklarinettist und Saxofonist und ein Drehorgelspieler tauchten die Bühne ins Paris der 1920er Jahre. Das erste Konzert des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) in Haseldorf, das von Intendant Christian Kuhnt eröffnet wurde, war eine Hommage an die „Group des Six“ oder kurz „Les Six“. Die Musikergruppe hatte die damals übliche überladene, romantische Musik satt und begann Kompositionstechniken zu versachlichen. Sie orientierten sich dabei auch an maschinellen Vorgängen und kombinierten Kompositionen mit einer Drehorgel.

Dieser Idee folgte Michael Riessler (Bassklarinette und Saxophon), der seit 2009 als Professor für Jazz an der Hochschule für Musik und Theater in München arbeitet. Mit dem französischen Drehorgelspieler Pierre Charial hat er speziell für das gezeigte Programm „Paris Mécanique“ neue Stücke, aber auch bekannte Werke wie „The Typewriter“ von Leroy Anderson im neuen Gewand gezeigt.

Das Zusammenspiel von vier Holzbläsern mit mehr als 100 Drehorgel-Pfeifen war für viele Zuhörer ungewohnt, die Beurteilung des Konzertes entsprechend breit. Hans-Helmut Birke, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, gehörte zu den Begeisterten: „Das hat mich an meine Zeit in Frankreich vor 30 Jahren erinnert. Mir gefällt das richtig gut.“ Auch seine jüngste Tochter Carlotta war hingerissen: „Einfach großartig.“ Eine Dame in der Getränkeschlange hingegen wirkte fast verärgert: „Wenn ich gewusst hätte, dass es hier ums Experimentieren geht, wäre ich zu Hause geblieben“, meinte sie. Und Konzertgängerin Regina Brose aus Hamburg erklärte ihre Empfindungen mit Hilfe eines Vergleiches: „Ich fühle mich ein bisschen, als würde ich in eine Ausstellung gehen, und mir gefällt das Bild wirklich richtig gut. Aber zuhause hinhängen würde ich es nicht.“

Durch die Besonderheit und die Dominanz des Instruments, war der Fokus des Publikums auf Charial gerichtet. Der Franzose entdeckte die Drehorgel vor mehr als 30 Jahren für sich und verwandelte das lochkartengesteuerte Jahrmarktinstrument zu einem Instrument der Avantgarde. Charial gab auf der Rinderstall-Bühne alles. Er stapelte seine selbst produzierten Papp-Lochkarten hin und her, spannte sie ein, legte sie wieder zusammen – und drehte an seinem Drehorgel-Rad, als gäbe es kein Morgen mehr. Der 75-Jährige hatte mit Abstand den anstrengendsten Job auf der Bühne. Seine Spezialität ist es, neben neuen Kompositionen auch historische Werke auszugraben und neu zu interpretieren.

Reiner Wehle und die Geschwister Sabine und Wolfgang Meyer vom Trio di Clarone haben einen starken Eindruck hinterlassen. Ebenso natürlich der großartige Musiker Riessler, der tolle Projekte entwickelt und dafür die richtigen Leute zusammenbringt. Doch Charial mit seinen mehr als 100 Drehorgel-Pfeifen wird dem Publikum unvergessen bleiben.

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