Die Vermessung des Auges

Eyecatcher im Eingang zum Technicon. Der Refraktometer ist Stuhl und Messtechnik in einem.
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Eyecatcher im Eingang zum Technicon. Der Refraktometer ist Stuhl und Messtechnik in einem.

100 Jahre Medizintechnik Möller

shz.de von
03. Juli 2018, 16:00 Uhr

Hat der Besucher die Stufen zum Technicon erklommen, fällt der Stuhl sofort ins Auge. Geschickt als Eyecatcher haben ihn die Mitarbeiter der industrie- und technikgeschichtlichen Sammlung im Flur platziert. Ein in die Jahre gekommener schwarzer Ledersessel, der auf einem massiven gusseisernen Standbein steht, das ebenso Halt für einen Ständer gibt, an dem mehrere medizinische Messgeräte hängen. Technik hautnah. Ein Entree, das Lust macht auf mehr. Das den Besucher in die Ausstellungsstellungsräume zieht, in denen die Geschichte der Wedeler Firmen wartet.

Auch die der Möllerschen Optischen Werke, 1864 von Johann Diedrich Möller gegründet. Wie der historische Zeitstrahl an den Wänden des Technicons zeigt, sind sie das älteste oder zweitälteste Unternehmen der Stadt, je nachdem ob man die noch ältere Zichorienfabrik überhaupt als eine solche bezeichnen möchte. Dass die Optischen Möller Werke in diesem Jahr ein internes Jubiläum feiern können, nämlich 100 Jahre Medizintechnik, ist dem Sohn des Firmengründers, ist Hugo Möller zu verdanken. „Ein Schlitzohr und ein Unternehmer mit Weitblick“, fasst Rudolf de Wall, Experte der Möllerschen Firmengeschichte, die Persönlichkeit des Geschäftsmanns anerkennend zusammen.

1908 hatte Hugo Möller die Firma, die damals 15 bis 20 Mitarbeiter beschäftigte, übernommen und rasant ausgebaut. Nicht zuletzt durch den ersten Weltkrieg befördert: Möller baute optische Komponenten und Geräte fürs Militär, meist in Lizenz, nur wenig wurde damals eigenentwickelt, erläutert de Wall. Nach dem Krieg 1918 brachen die Aufträge weg. Doch die nun 450 Mitarbeiter mussten weiter bezahlt werden. Hugo Möller setzte in der zivilen Produktion auf zwei große Gebiete: auf die Medizintechnik und auf optische Geräte, bei letzteren besonders auf eigene Entwicklungen. Hier erzielte die Firma dann auch ihren Durchbruch. Ferngläser mit dem Möllerschen Pentaprisma schlugen groß ein. Die Medizintechnik geriet erst einmal in den Hintergrund.

Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre sowie Teilverkauf und Rückkauf an den Optik-Konkurrenten Zeiss setzten dem prosperierenden Unternehmen erneut Dämpfer auf. Neuentwicklungen gerieten ins Stocken. Während des Zweiten Weltkriegs musste wieder das Militär bedient werden, und das Unternehmen wuchs erneut. Inklusive Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigte Möller Ende 1945 rund 1600 Mitarbeiter.

Mit Genehmigung der britischen Behörden setzte Hugo Möller dann nach dem Krieg diesmal hauptsächlich auf die Augentechnik. „Die Herstellung von Brillengläsern fing richtig groß an“, erläutert de Wall. Mit so genannten Probierkästen, in denen sich lose Linsen mit verschiedenen Brechkräften befanden, konnte der Augenarzt die Brillenstärke bestimmen. Aber auch andere Diagnosegeräte wurden entwickelt. Der Refraktometer, die komplette Untersuchungseinheit mit Stuhl und Messtechnik aus dem Flur des Technicons, ging 1951 in Serie. Möller arbeitete besonders daran, mechanische Tätigkeiten zu automatisieren. Bestes Beispiel hierfür ist der Erfolgsschlager Visutron, ein automatischer Phoropter, der die Fehlsichtigkeit ermittelte und die Probierkästen Geschichte werden ließ. „Mit diesem Gerät hat Möller Weltrum erreicht. Das wurde überall hin verkauft“, sagt de Wall begeistert. Sogar komplette Praxiseinrichtungen mit Schreibtisch und Telefon gingen in Produktion.

Als kleinere Geräte machten das Covoscop, ein Spiegel, mit dem der Arzt in die schmalen Gänge von Augen, Nasen und Ohren schauen konnte, der Keratometer, der Hornhaut und Pupille vermisst, verschiedene Arten von Augenspiegeln sowie das Augeninnendruck-Messgerät Tonometer Furore. „Möller hat in der Medizintechnik bedeutende Entwicklungen in Gang gesetzt“, ist de Wall sich sicher. Anfang der 1970er Jahre wanderten die Einheiten mit den periferen Geräten daran vom Ständerfuß an die Decke. „Heute ist das Stand der Technik in jedem OP-Saal.“ In der Gynäkologie machte das Diagnosegerät für Gebärmutterhalskrebs von sich reden, das Kolposkop. Argentiniens Evita Perón wurde zum Beispiel mit solch einem Möller-Gerät untersucht, erzählt de Wall.

Heute allerdings sind sowohl die Brillengläser als auch die Abteilung Augenheilkunde verkauft. Ersteres stieß Möller 1961 ab. 2015 ging die Augensparte an das amerikanische Unternehmen Haag-Streit Surgical.

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