„Die Natur wird es uns noch zeigen“

Zur Zukunft der Elbe bezogen Schutzgebietsbetreuer Uwe Helbing (links) und BUND-Geschäftsführer Manfred Braasch Stellung.
Zur Zukunft der Elbe bezogen Schutzgebietsbetreuer Uwe Helbing (links) und BUND-Geschäftsführer Manfred Braasch Stellung.

Neunte Elbvertiefung hat laut Nabu und BUND massive Auswirkungen

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17. Juni 2019, 10:51 Uhr

Wedel | „Uns geht es nicht darum, die Lichter im Hamburger Hafen auszuknipsen“, betonte Manfred Braasch im Stadtteilzentrum „mittendrin“. Der Geschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Hamburg referierte auf Einladung der Wedeler Grünen zum Thema „Ist unsere Elbe noch zu retten?“

„Wenn der Mensch nicht eingreifen würde, wäre die Elbe drei, vier Meter tief“, sagte Braasch, der auch Sprecher des „Aktionsbündnisses Lebendige Tideelbe“ und Klageführer gegen die neunte Elbvertiefung ist. Der neunte Eingriff in den Flusslauf sei der bisher gravierendste. 38,5 Millionen Kubikmeter sollen ausgebaggert werden, die Elbe werde dabei um ein bis zwei Meter auf 19 Meter unter Normalnull (NN) vertieft. Bei der achten Elbvertiefung 1999 seien 13 bis 14  Millionen Kubikmeter ausgebaggert worden. „Es wird aber ohnehin jedes Jahr gebaggert“, sagte Braasch. Um der Verschlickung entgegenzuwirken, seien im Jahr 2018 etwa 22 Millionen Kubikmeter Schlick entfernt worden. Die Kosten: 149 Millionen Euro. „Wir leisten uns schon jetzt 150 Millionen Euro, damit die Elbe so tief bleibt, wie sie ist. Selbst die offiziellen Planungen gehen von einer Erhöhung von zehn Prozent aus“, erläuterte Braasch den etwa 50 Zuhörern.

Eine weitere Absenkung der Sauerstoffsättigung, eine Erhöhung der Fließgeschwindigkeit, eine Veränderung des Tidenhubs, Fischsterben und das Verschwinden seltener Pflanzen wie dem Schierlings-Wasserfenchel – Braasch zählte zahlreiche Konsequenzen auf. „Leider ist man vor Gericht unseren Ausführungen nicht gefolgt“, sagte Braasch. Nur beim Ausgleich für den Eingriff habe das Gericht Zweifel gehabt. „Ist das, was man der Elbe antut, ausgleichbar? Wir sagen Nein“, erläuterte Braasch. Daher hätten BUND, Nabu und WWF erneut Klage eingereicht. Verhandelt werden soll ab Frühjahr 2020 vor dem Oberverwaltungsgericht in Leipzig. „Wir kämpfen seit 2012 gegen den Irrsinn Elbvertiefung und geben nicht auf“, sagte Braasch. Mit dem Tiefseehafen in Wilhelmshaven gebe es eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Lösung. „Eine Norddeutsche Hafenkooperation wäre eine Idee. Aber Hamburg will das größte Stück vom Kuchen. Die Elbvertiefung ist so tief in der DNA der Hamburger Wirtschaftspolitik verankert, die kriegen wir da nicht mehr raus.“ Braasch resümierte: „Mit Argumenten und gesundem Menschenverstand konnten wir in Hamburg nichts bewegen. Falls wir die Elbvertiefung nicht stoppen, wird es uns die Natur noch zeigen.“

„In der Schule haben wir mal gelernt, dass eine Tide etwa zwölf Stunden dauert und ausgeglichen ist“, sagte Uwe Helbing, Schutzgebietsbetreuer des Nabu. Mittlerweile fließe die Elbe sieben Stunden ab und habe fünf Stunden Zufluss. „Wir haben im Mittel trockenere Verhältnisse im Außendeich als vor wenigen Jahrzehnten. Wenn Marschboden austrocknet, ist er hart wie Beton. Da finden Vögel keine Nahrung mehr“, sagte er. Auch der Stint, Hauptnahrungsquelle vieler Vögel und Fische sei mittelfristig gefährdet. „Die Anzahl der Kleinstlebewesen ist bereits um die Potenz zehn zurückgegangen“, erläuterte Helbing. Er zeigte anhand von Fotos, wie sich die Elbe beispielsweise an der Kreuzung 1 verändert hat. „Dort wurde ganz viel weggespült, im Hetlinger Hafen wird dafür viel angespült“, so Helbing. Auch der Abtrag am Wedeler Elbstrand sei eine Folge der Elbvertiefung.

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