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Wedel-Schulauer Tageblatt

19. Oktober 2017 | 04:15 Uhr

Kreis Pinneberg : Die heiligen Schuhe des Kantors

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Nicht ohne meine Schuhe, lautet dieser Tage das Motto bei den Orgel-Künstlern. Wichtig seien eine Ledersohle und eine gute Passform.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2015 | 09:38 Uhr

Kreis Pinneberg | Sie sind alt, ausgetreten, am Rand zerfleddert, das Leder ist mürbe – aber sie sind ihren Besitzern heilig: Orgelschuhe haben für Kantoren eine besondere Bedeutung. Das gilt auch für Jörg Dehmel aus Haseldorf, seinen Haselauer Kollegen Michael Horn-Antoni und Mitsuhiro Ikenoya aus Moorrege.

Dehmel hat seine Schuhe seit 39 Jahren. Die italienischen schwarzen Herrenslipper mit Silberschnalle haben 150 D-Mark gekostet: „Das war für mich irrsinnig viel Geld.“ Als er mit dem Orgelunterricht anfing, spielte er auf Strümpfen. „Sehr zu dem Entsetzen meines Lehrers“, sagt Dehmel lachend. Seine Tante Sabine Schmidt zu Nedden, eine renommierte Gesangslehrerin und exzellente Pianistin, sprach ein Machtwort: „Du brauchst ordentliche Schuhe!“ Da Dehmel Student war und sich diese Investition nicht leisten konnte, bekam er sie geschenkt.

Weil das Leder an der Ferse inzwischen zerrissen war, bat Dehmel kürzlich einen Schuster um die Reparatur. Der sah sich die Schuhe in Größe 43 nur kurz an und schickte Dehmel weg. In seiner Not startete der Kantor beim Schuhmacher am Wedeler Bahnhof einen zweiten Versuch und erläuterte auch ihm die Wichtigkeit seiner Schuhe. „Ich kam richtig demütig rein“, erinnert sich Dehmel. Und ist nun überglücklich mit den restaurierten Slippern: „Der Mann ist ein leidenschaftlicher Schumacher und hat das Problem sofort erkannt.“

Ganz wichtig ist, dass die Orgelschuhe eine Ledersohle haben. „Sie ist immer noch original“, betont Dehmel. Denn sie kommen ausschließlich beim Musizieren zum Einsatz. „Ich weiß, wie sie sich verhalten und wie breit sie sind“, erklärt er.

Horn-Antoni (68) hat seine schwarzen Lederschuhe Größe 43,5 seit 1978. Er hat sie für 85 D-Mark in einem Laden in Nähe vom Klosterstern in Hamburg gekauft. 1958 hatte er solches Modell in den Schulferien am Gardasee das erste Mal gesehen: Ein deutlicher Absatz, vorn spitz zulaufend und von unbeschreiblicher Eleganz. Auch er schätzt die Zuverlässigkeit seiner Arbeitsschuhe: „Sie sind immens wichtig, die Füße rattern mit affenartiger Geschwindigkeit über 30 Pedale, die auf 1,50 Meter verteilt sind.“ Allerdings ziehe er die Schuhe nur noch an, wenn er schwere Literatur spiele. Sonst kämen Sportschuhe zum Einsatz.

Ikenoyas Schuhe der Marke Borelli in Größe 40 sind neun Jahre alt. Sie kosteten 50 Euro, für den damaligen Studenten war das sehr viel Geld. Aber sein Lehrmeister – sein heutiger Kollege Dehmel – hatte auf gutes Schuhwerk bestanden. Ob er neue haben möchte? Ikenoya guckt entsetzt und ruft: „Nönönönö.“

Einmal musste sich Dehmel sogar für seine Schuhe öffentlich entschuldigen. Seine Frau Ute bestand darauf: „Normalerweise sitze ich ja oben und niemand kann sie sehen.“ Bei einem Konzert in der Appener Kirche stand er erläuternd vor dem Publikum – und jeder konnte das wichtige Fuß-Accessoire begutachten. Das wird auch beim Silvesterkonzert so sein. Dann spielt er um 16  Uhr in der St.-Gabriel-Kirche nicht nur Orgel, sondern auch Cembalo. Musik-Kenner wissen: Auf Passform, Absatz und Sohle kommt es an – Eleganz und Glanz sind völlig egal. Die Losung aber heißt stets: Nicht ohne meine Schuhe!

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