Die Geschichte der „Impulsphysik“

Das Gerät misst die Dichte des Nebels mithilfe des Laserstrahls.
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Das Gerät misst die Dichte des Nebels mithilfe des Laserstrahls.

Frank Früngel war ein Doppeltalent: Der außergewöhnliche Physiker war auch mit seiner Geräteentwicklungsfirma erfolgreich

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17. April 2018, 16:00 Uhr

Der heutige Teil der Technicon-Serie reißt die lokalen Ortsbeschränkungen auf. Die Wedeler Sammlung dokumentiert die technisch-industrielle Bedeutung der Region – sie macht nicht an der Stadtgrenze halt. Dass sich die Firma Impulsphysik von Frank Früngel nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg-Rissen an der Sülldorfer Landstraße ansiedelte, ist Zufall. Dass so ein bedeutender und bekannter Entwickler wie Früngel in die Region Wedel kam nicht. Hugo Möller nutzte 1945 die Gunst der Stunde, um den Danziger mit seiner Geräteentwicklungsfirma und seinem außerordentlichen Know-how in die Rolandstadt zu lotsen.

Früngel wurde 1916 in Graudenz, damals Westpreußen, geboren. Als die Stadt an der Weichsel 1920 polnisch wurde, zog die Familie nach Ostpreußen, Deutsch-Eylau, um. 1935 nahm der begabte Schüler in Danzig ein Studium der technischen Physik auf und gründete fast gleichzeitig, um sein Studium zu finanzieren, ein eigenes Ingenieurbüro. Auf beiden Feldern war die Doppelbegabung Früngel sehr erfolgreich. Das Studium schloss der Physiker 1940 mit Prädikat ab. Gleichzeitig wuchs das Ingenieurbüro zu einer erfolgreichen Firma heran, die viele technische Geräte neu entwickelte.


Die Stahlröhre ist kleiner und robuster

Im Röhrenbau gelang Früngel eine Optimierung, die nicht einmal die Amerikaner hinbekommen hatten, erläutert Gerhard Kuper vom Technicon. Kleiner, wesentlich robuster und trotzdem effektiv in der Abschirmung gerieten die Röhren – nicht nur in Rundfunkgeräten, sondern auch in vielen militärischen Anwendungen zu finden –, weil es dem Danziger gelang, die empfindliche Glashülle durch eine Metallabdeckung zu ersetzen. Das Problem der so genannten Stahlröhren war das vakuumdichte Verschließen der Metallhaube mit dem Sockel, der die Drähte trug. Das benötigte enorme Kraft. Früngel entwickelte dafür die geeignete Impulsschweißtechnik, die Impulse von 20 Kilo-Watt-Sekunden freisetzte. Damit verschweißten die Teile, ohne dass es zu ungewollten Explosionen oder zu unkontrollierten Schmelzungen kam. „Wir machen alles, was man aus einer Kondensatorentladung machen kann“, habe Früngel als Motto seiner Geräteentwicklungsfirma vorangestellt, berichtet Kuper. Während des Krieges war Früngel der Luftwaffe zugeordnet, sollte das Unternehmen aber trotzdem weiterbetreiben.

Die Doktorarbeit über Lichtemission elektrischer Funken, 1944 mit „sehr gut“ abgeschlossen, gab der Firma ein weiteres Themenfeld vor. Während seines ganzen Berufslebens blieb Früngel der Impulstechnik treu, erläutert Kuper, der selbst als studierter Elektrotechniker in den 1970er Jahren in der Firma mitwirkte. Doch vor dem Wiederaufbau nach dem Krieg im Westen kam erst einmal die Flucht am Ende des Krieges. Früngels hochschwangere Frau floh als eine der letzten mit den zwei kleinen Töchtern über Land und per Schiff. Flugfunker und Navigationslehrer Früngel entkam aus Danzig mit dem Flugzeug. In Lübeck traf man sich wieder, erzählt Tochter Dietlind Hakaso. Eine Zeitzeugin, die den Mitarbeitern des Technicons wichtige Informationen geben konnte.

Hugo Möller hatte nicht nur mit einer Unterkunft für die Geräteentwicklung gelockt. Kuper erzählt, dass besonders Früngels Frau gern von dem zweiten Köder berichtete, den der Wedeler Unternehmer dem Physiker hinwarf: Möller verschaffte Früngel Zugang zum ehemaligen Luftwaffenarsenal am Fliegerhorst Uetersen, wo noch Bestände an Elektronenröhren vorhanden waren. Über eine Möllersche Barake gings gemeinsam mit der Medizingerätefirma Scillo ins Wittenbergener Fährhaus und nach einem Zerwürfnis in die ehemalige Säge- und Turnhalle in der Sülldorfer Landstraße. Hochleistungsstroboskope und Hochgeschwindigkeitskameras für sichtbares Licht und für den Röntgenbereich zählten zu den ersten neuen Entwicklungen. Weltweit bekannt wurden Früngels Aufnahmen schneller Gasströme mit Hilfe von Funkengardienen und von Entladungsvorgängen. Im Technicon ist ein Laser-Nebelmessgerät zu finden, auch Laser-Wolkenmesser wurden entwickelt, überhaupt die ersten Hochleistungs-Festkörperlaser, die teilweise jetzt noch laufen.

Um Gewerbesteuer zu sparen, verließ Impulsphysik 1986 Rissen. Die Hochgeschwindigkeitsfotografie allerdings kam nach Wedel zurück. Sie wurde 1991 von der Wedeler Firma High-Speed Photo-Systeme übernommen.

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