Die effektivere Kühlung

Kontorhaus, Durchfahrt und „Schweineknast“: Dort war die Kupferschmiede für Armaturen und Leitungsnetz untergebracht.
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Kontorhaus, Durchfahrt und „Schweineknast“: Dort war die Kupferschmiede für Armaturen und Leitungsnetz untergebracht.

Paulus Heylandt will 1911 in der unteren Hafenstraße eine Sauerstofffabrik errichten / Versuchsbetrieb, aber keine Dauerproduktion

shz.de von
24. Juli 2018, 16:00 Uhr

Zu einer industriegeschichtlichen Aufarbeitung gehören nicht nur die regionalen Ansiedlungen, die zu prosperierenden Unternehmen heranwuchsen. Auch Versuche, die mit viel Aufwand und großem Engagement angegangen wurden, letztendlich aber scheiterten, sind für die Industriegeschichte einer Stadt interessant. Ob in Wedel Anfang des 20. Jahrhunderts in der unteren Hafenstraße eine Sauerstofffabrik ihre Produktion aufnahm, ist für das Team des Technicons trotz intensiver Recherche nicht endgültig festzumachen. Die umfangreichen Vorbereitungen aber, die der Autodidakt Paulus Heylandt für solch ein Unternehmen in die Wege leitete, sind gut dokumentiert – und waren in Wedels Straßenbild noch lange sichtbar.

Heylandt, 1884 im Thüringischen Bad Sulza geboren, interessierte sich bereits in früher Jugend für die Verflüssigung von Sauerstoff sowie deren Aufbewahrung und Transport. „Normalerweise war die Herstellung von flüssigem Sauerstoff mit dem Namen Linde verknüpft“, erläutert Gerhard Kuper vom Technicon. Heylandt experimentierte aber auch in die Richtung und entwickelte schließlich ein spezifisches, wesentlich effektiveres Gewinnungsverfahren, das er als 24-Jähriger zum Patent anmeldete.

Mit der bewährten Linde-Methode wird Luft unter so großem Druck durch eine Düse gepumpt, dass sie entspannt und flüssig wird. Das Problem hierbei ist eine enorme Hitze, die entsteht. Im Prinzip sei es das Gleiche wie beim Fahrradaufpumpen, wenn es in der Hand warm wird, zieht das Technicon-Team eine anschauliche Parallele. Linde kühlte das Verfahren mit einem Wärmeaustauscher herunter. „Das besondere am Verfahren von Paulus Heylandt war, dass er die flüssige kalte Luft mit der zu verflüssigenden im Gegenstrom betrieben hat und damit in der Kühlung einen viel höheren Wirkungsgrad erreichte“, erklärt Kuper. Und im Ergebnis letztendlich viel preisgünstiger war. Gast die flüssige Luft anschließend in einer bestimmten Temperatur aus, kann Sauerstoff abgeschöpft werden.

Um technischen Sauerstoff, der beispielsweise zum Schweißen benötigt wurde, und gereinigten medizinischen Sauerstoff, der unter anderem in der Atemhilfe Verwendung fand, zu produzieren, baute Heylandt im Norden Hamburgs eine Firmenverwaltung auf und beantragte 1911 den Bau eines Sauerstoffwerks in Wedel. Das Gelände dafür kaufte er in der unteren Hafenstraße Bauer Heinrich Heinsohn ab. Dessen 1907 errichteter Schweinestall wurde in eine Kupferschmiede für Armaturen und Leitungsnetz umgestaltet und am Kopf mit einem Kontorhaus ergänzt. Eine große Durchfahrt ließ den Weg aufs rückwärtige Areal frei, denn dort sollten noch technisches Büro, Versuchsstation, Sauerstoffanlage und ein Gasometer entstehen.

Die Konstruktionspläne dafür liegen vor, doch zu einer Verwirklichung ist es wohl nicht mehr gekommen. Anlieger protestierten, besonders gegen den Gasometer. Neben einer Wertminderung ihrer Grundstücke bangten sie um ihre Sicherheit. „Der Auspuff der Maschinen hat schon mehrfach heftig knallende Geräusche verursacht, Feuer flog dabei aus dem Rohr“, berichteten sie. Ihre Befürchtung: Explosionsgefahr. Obwohl die Polizei die Bedenken der Anwohner nicht teilte und grünes Licht gab, zog 1913 die Firma Petersen und Johannsen, ein Versandgeschäft für Margarine, auf dem Gelände ein. „Ein Versuchsbetrieb ist in der Sauerstofffabrik sehr wahrscheinlich gelaufen, aber kein Dauerbetrieb“, schätzt Kuper die Situation abschließend ein.

Heylandt ging während der Weltwirtschaftskrise zu Linde, brachte dort sein Know-how und die Hardware seiner Firmen ein. In den 1920er Jahren taucht der Tüftler in der Berliner Presse auf. Er experimentierte auf der dortigen Avus mit Raketenautos. Anders als Konkurrent Fritz von Opel, der Pulverraketen als Antrieb benutzte, setzten er und Companion Max Valier auf flüssigen Sauerstoff, wahrscheinlich aus Heylandtschen Berliner Sauerstofffabriken. Heylandt arbeitete damals sowohl an der Optimierung des Gases als auch an der Raketentechnik. 1948 ist der Industrielle in Moskau gestorben. „Keiner weiß so genau, wie er dort hingekommen ist“, sagt Kuper.

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