zur Navigation springen

Zwischen Utopie und Wirklichkeit : Detlef Murphy aus Wedel inszeniert „Die fremde Stadt“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Der Wedeler Detlef Murphy inszeniert eine selbst überarbeitete Version von John Boynton Priestleys „Die fremde Stadt“ in Pinneberg.

Wedel | Die Bretter, die für andere die Welt bedeuten, reizten Dr. Detlef Murphy zunächst einmal gar nicht. Der Politologe und Fraktionschef der Linken im Rat der Stadt Wedel meldete sich vor etwa 18 Jahren trotzdem zum Casting des damals noch ganz jungen Pinneberger Forum Theaters – als Schützenhilfe, denn ein guter Freund traute sich nicht recht, ganz alleine vorzusprechen. Der Freund fiel durch, Murphy bekam seine erste Rolle.

Seitdem gehört der Wedeler dazu. Schon bald reichte ihm die reine Schauspielerei nicht mehr aus. Inzwischen hat er sich längst einen Namen als Regisseur gemacht. Und was er auf die Bühne bringt, trägt auch seine dramaturgische Handschrift. Er übersetzt, bearbeitet, aktualisiert. Für die erste Premiere im Herbst entstaubt Murphy derzeit „Die fremde Stadt“ („They Came to the City“) des Engländers John Boynton Priestley, ein „linkes“ sozialutopisches Stück aus den 1940er Jahren.

Keine leichte Aufgabe, denn die Krankheiten der Gesellschaft wie ausweglose Armut, Ausbeutung, rücksichtslose Karrieresucht und die Überheblichkeit der Herrschenden haben in der Zwischenzeit neue Symptome entwickelt. Also unterzieht Murphy die Charaktere drastischen Verwandlungen, ehe er die bedrückende englische Realität der Nachkriegszeit an die Elbe verpflanzt. Der von Schiff zu Schiff geschubste Seemann wird zum Leiharbeiter, der ein Kreuzfahrtschiff reisefertig schrubbt. Der versnobte Sir George spielt als deutscher Politiker vor seinem Auftritt im Ministerium schnell noch eine Runde Golf. Die verhärmte alte Arbeiterwitwe wird zur entlassenen Schlecker-Verkäuferin, die ihre kärgliche Rente mit Putzen aufbessert. Und der beflissen nach oben schielende Bankangestellte mutiert zum kalten Investmentbanker in der Hafencity.

Aber das alles ist ja ein Märchen, braucht also ein glückliches „und wenn sie nicht gestorben sind“. So kommt die Stadt ins Spiel, in die alle wollen. Die Utopie einer besseren Welt ohne Neid, Missgunst und Konkurrenzkampf, ohne Geld und sogar ohne Regierung. Aber ist so ein Glaube nicht längst überwundene sozialistische Naivität aus dem 19. Jahrhundert? Nach dieser Frage dreht Murphy richtig auf: Es gehe doch nicht um Glaube oder gar marxistische Doktrin. Es gehe um Hoffnung und Sehnsucht. Ohne die hätte man den Unzulänglichkeiten der Wirklichkeit nichts entgegenzusetzen, weder auf der Bühne noch in der Politik. Das ist sein Credo, im Rathaus wie im Theater. Darum brauche es die utopische Stadt. Heute eine andere als vor 60 Jahren, aber weiter eine bessere Welt, für die der Einsatz lohnt. Das möchte Murphy im Herbst gern Theaterbesuchern vorführen. Fünfmal soll „Die Fremde Stadt“ im modernem Gewand im Pinneberger Forum Theater auf die Bühne: am 1. und 8. November um 18 Uhr und am 31. Oktober, 6. und 7. November um 19.30 Uhr.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 26.Aug.2015 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen