Der Clou liegt in der Diagonalen

Schüllers Schrägschriftverfahren in einem Philips-Abspielgerät von Thomas Frankenfeld.
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Schüllers Schrägschriftverfahren in einem Philips-Abspielgerät von Thomas Frankenfeld.

Eduard Schüller und die Erfindung der Schrägschrift: Störungsfreie Videotechnik von Halbbildern

shz.de von
13. März 2018, 16:00 Uhr

Im Technicon ist dem Wedeler AEG-Telefunken-Chefentwickler Eduard Schüller, der während seiner aktiven Zeit in den 1950er/60er Jahren und auch noch im Ruhestand fast hundert Patente anmeldete, ein ganzer Raum gewidmet. Einen „Bandtechniker“ nennt Mitarbeiter Gerhard Kuper den überragenden Erfinder, von dem in dieser Serie bereits die Ringkopfentwicklung fürs Magnetophon und die TED-Platte vorgestellt wurde. Der Ringkopf stellte eine Revolution in der Tonaufnahme dar. Die Plattenrille als Datenträger für Filme floppte.

Doch Rückschläge gehören zum Handwerk und brachten den Entwickler nicht aus dem Konzept. Schüllers Ideenreichtum war nahezu unerschöpflich. In der Bildaufzeichnung konnte er mit seinem Schrägspurverfahren wieder einen Coup landen. Im Videorekorder ist das Prinzip noch heute zu finden.

Laufen bei einem Film 25 Bilder pro Sekunde durch, um eine Bewegung darzustellen, sind es im Fernsehen 50 Halbbilder. Jedes analoge Schirmbildraster weist 625 Zeilen auf. Ein Lichtstrahl tastet diese nacheinander ab, fürs erste Halbbild jeweils die ungraden Zeilen fürs zweite dann die geraden. Springt der Strahl zum Zeilenanfang oder diagonal zum Bildanfang zurück, wird ihm die Lichtenergie genommen für die so genannte Dunkeltastung. „Der Fernseher muss also 625 Zeilen 25 mal in der Sekunde schreiben“, erklärt Kuper – fast 16 000 Zeilen pro Sekunde. „Bei dieser Geschwindigkeit flimmert er gerade nicht mehr.“ Eine harte Forderung an die Technik.

Weil Töne und Musik nur rund 15 000 Signale pro Sekunde für eine Aufzeichnung benötigen, ist es ausreichend, sie in einem fortlaufenden Magnetstreifen auf dem Band zu speichern: mit der so genannten Längsschrift. Ein Bild braucht aber ein größeres Datenvolumen. Es wird erst ab etwa 5,5 Millionen Punkten scharf und detailreich fürs menschliche Auge sichtbar. Kann man das Band schneller laufen lassen?, habe man sich gefragt, erklärt Kuper. Das funktionierte nicht. Um das Band vollständig auszunutzen, legte man die Schrift quer. Und installierte zusätzliche Abnehmer – vier rotierende Videoköpfe, die die Signale aufnahmen. Das ergab ein scharfes Bild. Allerdings tauchten beim umschalten der Videoköpfe Schaltstörungen auf, die auf dem Bildschirm sichtbar wurden. „Fünf bis sechs Jahre dauerte es, bis man die Störungen in den Griff bekam“, erläutert Kuper die Entwicklung.

Gleichzeitig experimentierten Schüller und auch andere Wegbereiter mit der Schrägschrift, die sich schließlich durchsetzte. „Das Prinzip Schrägschrift war eine geniale Idee, um Störungen herauszubekommen“, sagt Kuper begeistert. Mit der schrägen Anordnung war wie bei der Querschrift die volle Breite des Bandes ausgenutzt. Was aber entscheidender war: Man konnte die Diagonale so anordnen, dass auf eine Zeile genau ein Halbbild passte. Der Umsprung beziehungsweise Rücklauf erfolgte dann während der Dunkelphase. Das vermied nicht nur sichtbare Störungen, sondern machte auch wesentlich weniger Elektronik im Gerät nötig. Vollständig ausgereift war das Prinzip dann, als mit einer Transistorschaltung die perfekte Synchronisation von Sender und Empfänger erreicht wurde.

Dennoch: Das Band in die Geräte einzulegen, blieb eine Fummelarbeit, die Abspielgeräte waren zudem groß und schwer. Geschäftlicher Erfolg stellte sich erst mit den handlichen Kassetten ein. In kleineren Videorekordern wird das Band dort automatisch eingefädelt.

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