„Der Beginn der Messtechnik“

Die etwa 0,05 Millimeter großen Diatomeen  wurden unter einem Mikroskop ausgerichtet.
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Die etwa 0,05 Millimeter großen Diatomeen wurden unter einem Mikroskop ausgerichtet.

Weil Kollegen seine genauen Kieselalgenpräparate zur Ausrichtung ihrer Geräte benutzten, kam Optiker Möller auf die Idee der Teilerei

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16. Oktober 2018, 16:00 Uhr

Beim unternehmerischen Erfolg kommt es nicht nur auf die zündende Idee an. Oftmals muss man auch die Gunst der Stunde zu nutzen wissen. Wie Johann Diedrich Möller, der durch seine Leidenschaft für Kieselalgenpräparate zu einem seiner wichtigsten Standbeine seiner Optischen Werke kam: zur optischen Messtechnik. Die kann im Hause Möller mittlerweile auf eine 150-jährige Geschichte zurückblicken.

„Begonnen hat es praktisch durch einen Zufall“, berichtet Rudolf de Wall vom Technicon-Team. Als Möller 1864 in seinem Wedeler Geburtshaus seine Optikwerkstatt einrichtete, schliff er nicht nur Prismen und Linsen. Er baute auch, wie alle Optiker in der damaligen Zeit, optische Geräte. Das alles erledigte der Autodidakt, der seine Malergesellenprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, aber in dem Beruf nicht weitergehen wollte, so gut, dass er praktisch Subunternehmer vom bekanntesten Optiker Norddeutschlands, von Dr. Hugo Schröder aus Hamburg, wurde. Eine Auszeichnung, sagt de Wall.

Aus reiner Leidenschaft untersuchte Möller nebenbei unter einem selbstgefertigten Mikroskop Pflanzen, Insekten, Erden und Gesteine. Später systematisierte er seine Forschungen und verlegte sich darauf, von seinen Untersuchungsgegenständen mikroskopische Präparate anzufertigen. Besonders mit seinen Kieselalgen-Präparaten, den Diatomeen, machte der Optiker Furore. Sie brachten ihm nicht nur Geld, sondern schnell auch große Anerkennung ein. Bereits nach kürzester Zeit wurden sie in Ausstellungen gezeigt, umjubelt und ausgezeichnet. 1869 erhielt Möller in einer Schau in St. Petersburg seine erste Medaille.

Bei der Anlage der Diatomeen kam dem Wedeler Optiker nicht nur die besonders hohe Leistungskraft seines Mikroskops, sondern vor allen Dingen seine enorm ruhige Hand zugute. Mit einem angespitzten Pferdehaar legte er die winzigen Kieselalgen unterm Beobachtungsgerät mit freier Hand zusammen und haftete sie auf dem Glasträger an. „Seine besondere Leistung war, dass er in der Genauigkeit besser als fünf Mikometer war“, sagt de Wall anerkennend.

Das brachte Möller auch den Respekt seiner Berufskollegen ein. Die anderen Optikhersteller waren so beeindruckt, dass sie schließlich Möllers Präparate kauften, um ihre eigenen Geräte an Hand seiner genauen Arbeiten auszurichten. Dafür nahmen sie die Abstände auf den Glasträgern als Skala. Als Möller spitz bekam, wofür seine Diatomeen herhielten, setzte er noch einen drauf. Besonders fein und besonders genau ritzte der Wedeler eine Skala ins Glas, die wie ein durchsichtiger Zollstock funktionierte. „Der Beginn der Messtechnik“, sagt de Wall begeistert.

Der Betrieb florierte, 1870 zogen die Optischen Werke in den Rosengarten 6 um. Doch nach einer Blütezeit rückten die Messgeräte im Unternehmen in den Hintergrund. Die kreativen Kräfte richteten sich auf gänzlich andere Erfindungen und Ideen. Es wurde Schnaps gebrannt. Zudem unterhielt der Betrieb eine Seltersfabrik. Möller stieg in die Spargelzüchtung ein und entwickelte ein chemisches Verfahren um Glasspiegel herzustellen. Alles erfolgreiche Unternehmungen, so de Wall. Im Ersten Weltkrieg – Sohn Hugo Möller hatte 1907 die Leitung der Firma übernommen – stieg die Mitarbeiterzahl dank der optischen Komponenten, die für die Wehrtechnik benötigt wurden, auf 400 an. Erst als 1918 der Stillstand hereinbrach, besannen sich die Brüder Hugo und Otto Möller wieder auf die Messtechniksparte – und bauten sie weiter aus.

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