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Kohlekraftwerk in Wedel : Demonstranten fordern die Abschaltung

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Mehr als 50 Menschen gehen auf die Straße. Massive Kritik an Umweltminister Robert Habeck (Grüne).

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Wedel | „Abschalten, Abschalten“, schlug Jens Wilke von der Bürgerinitiative (BI) „Stopp! Kein Mega-Kraftwerk Wedel“ am Sonnabend als Schlachtruf für die Demonstation im Tinsdaler Weg vor. „Etwas besseres ist mir nicht eingefallen“, sagte er lachend. „Klima retten, Kohle stoppen“, schlug eine Protestteilnehmerin vor. „Der Dreck muss weg“, kam Wilke als zweite Idee. Am Ende entschieden sich die Anwohner, Vertreter aus Politik und Sympathisanten der Bürgerinitiative aus Wedel und Rissen für „Abschalten“.

„Wir freuen uns, dass trotz des bescheidenen Wetters mehr als eine handvoll Leute gekommen sind“, sagte Wilke. Mehr als 50 Teilnehmer wollten ihren Protest gegen das Kohlekraftwerk, das aufgrund von Partikelausstößen immer wieder in der Kritik steht Ausdruck verleihen. „Das Kraftwerk ist mittlerweile ein Vollzeitjob – von morgens bis abends“, sagte Kerstin Lueckow, Sprecherin der BI. Immer wieder müssten Ausstöße dokumentiert, fotografiert und gemeldet werden. „Das ist eigentlich eine Aufgabe des Ministeriums in Kiel. Mittlerweile ist es zu viel, was an uns klebt“, sagte Lueckow. Die bis zu 2,5 Zentimeter großen Stücke würden Autodächer und Häuser verätzen, wenn sie mit Wasser in Kontakt kommen. „Wir tragen das seit Monaten vor, aber es passiert nichts“, kritisierte Lueckow. Eine vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) beauftragte Revision habe keine Besserung gebracht. Ganz im Gegenteil. „Es sind mehr Ausstöße als zuvor“, erläuterte Lueckow. „Unsere Häuser und Gärten werden verätzt. Was passiert, wenn ein kleines Kind so ein Teil schluckt?“, fragte Lueckow. In der kommenden Woche wolle die BI ein neues Rechtsverfahren starten, da die Nachbesserung bisher erfolglos war. Etwa 120.000 Euro habe die BI bisher in den Kampf gegen das Kraftwerk und Betreiber Vattenfall investiert. „Wir sind froh, dass wir so eine große, auch finanzielle Unterstützung in unserem Kampf erhalten“, sagte Lueckow.

„Ich dachte, dass wir mit einem Gläschen Sekt anstoßen können, weil die Revision durch ist und das Kraftwerk nicht mehr in Betrieb ist, aber damit müssen wir wohl warten“, sagte Stephan Jersch, umweltpolitischer Sprecher der Linken aus Hamburg. Er war sicher: „Ein Kraftwerk wie dieses würde es in Hamburg nicht mehr geben. Das könnte sich der Senat nicht leisten.“ Hamburg lehne die Verantwortung für das Wedeler Kohlekraftwerk ab, weil es in Schleswig-Holstein steht.

Aus Kiel komme wenig, weil Betreiber Vattenfall in Hamburg beheimatet sei. „Das ist Komapolitik zwischen zwei Landesregierungen. Das erleben wir auch an anderer Stelle“, sagte Jersch. Er sei froh, dass der Protest fortgesetzt werde. „Allerdings zeigt sich auch, dass eine funktionierende Demokratie auch eine Frage des Geldbeutels ist“, sagte er mit Blick auf die bisherigen Prozesskosten.“

„Wir haben in Wedel Zustände wie in den 1950er Jahren in Nordrhein-Westfalen, wo die Hausfrau die weiße Wäsche nicht draußen aufhängen konnte. Aber wir sind im Jahr 2017“, kritisierte der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Hölck. Für ihn sei unverständlich, dass es im „bundesweit führenden Energiewendeland Schleswig-Holstein“ nicht möglich sei, ein Kraftwerk zu betreiben, das die Anwohner nicht belastet. „Wo ist Habeck eigentlich? Er schützt mehr Vattenfall als die Anwohner“, kritisierte Hölck den Grünen-Umweltminister Robert Habeck.

„Wir Grünen haben eine sehr eindeutige Position, die sich mit der Bürgerinitiative deckt. Wir wollen, dass das Kraftwerk abgeschaltet wird“, erläuterte Olaf Wuttke, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Wedeler Stadtrat. Er erinnerte daran, dass alle Fraktionen ein entsprechendes Referendum unterzeichnet haben. „Manche Plakate sind ziemlich peinlich“, sagte er zu den schriftlichen Attacken auf Habeck und ergänzte: „Ich sehe hier einige Politiker aus Parteien, die an der Regierung waren und jahrelang etwas gegen das Kohlekraftwerk hätten tun können.“ Die Grünen als Sündenböcke hinzustellen sei falsch. Wuttke riet: „Es gibt auch noch Vattenfall, wenn man hier unbedingt einen Bösewicht sucht.“

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