Das Reich der Sinne braucht Hilfe

Mitstreiter gesucht Um die Streuobstwiese pflegen und erhalten zu können, will Meike Brune einen Verein gründen

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22. Juni 2017, 16:00 Uhr

Das Rauschen im Laub der hohen Zitterpappeln bildet den Grund. Darüber vielgestaltiges Vogelgezwitscher. Bienen schwirren umher und summen hell dazwischen. Das Gras steht hoch. Darin Brennesseln und wilde Kräuter. Überall sind knorrige Obstbäume scheinbar ohne Ordnung über die Wiese verstreut. Johannisbeeren leuchten rot. Ansonsten ist die vorherrschende Farbe Grün – Grün in allen Schattierungen. Die Streuobstwiese am Marinedamm ist ein Garten für alle Sinne: ein verwunschenes Paradies. Doch auch das will gepflegt sein. Und dafür sucht Meike Brune Unterstützer.

Die lebendige Frau steckt voller Ideen. Sie hat das Paradies von Horst Tresselt überantwortet bekommen, wird die Pacht des städtischen Grundstücks Ende des Jahres übernehmen. Nach gut 30 Jahren ist es Tresselt zu viel geworden mit der Arbeit und der Verantwortung. Über das Tageblatt suchte der 81-Jährige einen Nachfolger. Bei ihm und Brune stimmte die Chemie. Bei ihr weiß er sein Baby in guten Händen, auch wenn die quirlige Pflanzenliebhaberin einiges anders machen will. Das gehört dazu, wissen beide. „Wir haben ähnliche ökologische Vorstellungen und vor allem die gleiche Überzeugung: Auch wenn’s schwierig wird, es wird gemacht“, sagt Brune und lacht.

Brune hat ihre Jugend in Wedel verbracht und ist gerade erst vor zwei Jahren wieder zurückgezogen in die Rolandstadt. In der Zwischenzeit ist viel passiert im Leben der alleinerziehenden Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Vor allen Dingen hat sie viele Ausbildungen absolviert. Bruhne ist Elektrikerin, Elektroningenieurin, Landschaftsentwicklerin sowie Lehrerin für Mathe und Physik für die Mittelstufe. Ihr Kerninteresse sei allerdings schon immer die Botanik gewesen, bekundet sie verschmitzt. „Ich habe ein brennendes Herz für Natur und Umwelt. Die Leidenschaft will ich leben, weitergeben und teilen.“ Da passte die Streuobstwiese ideal hinein.

„Sie ist meine Ergänzung zu dem Garten auf der Geest“, erklärt Brune. Ihre Großeltern waren Selbstversorger. Schon als Kind half sie mit, dort historisches Gemüse anzubauen. Alte Sorten, die man im Supermarkt nicht bekommt. Jetzt versucht sie, selbst dem Sandboden etwas abzutrotzen. Der Marschboden im Obstgarten sei fetter. Dort wächst und gedeiht alles schneller und besser. Ein interessantes Gegengewicht.

Seit Ende März geht Brune in die Schule ihres Vorgängers. Auch wenn eine trächtige Rehmutter sich momentan im hohen Gras sauwohlfühlt, es muss geschnitten werden. Tresselt machte alles händisch, mit der Sense, Brune will die Hilfe von Schafen nutzen. Zudem müssen nicht nur die Kirsch-, Quitten-, Mirabellen-, Pflaumen-, Schlehen- und Apfelbäume auf dem ein Hektar großen Gelände beschnitten werden. Auch in den Eschen und Erlen hängt viel Totholz. Die Wassergräben müssen grundüberholt werden, genauso wie die Knicks, die das dreieckige Grundstück umsäumen.

„Dafür brauch ich Hilfe“, sagt Brune. Sie hat die Idee, mit gleichgesinnten Mitstreitern einen gemeinnützigen Verein zu gründen, in den jeder sich nach Neigung, Kraft und Gesundheit einbringt. „Dafür gibt’s lecker Obst“, lockt die Biologin und lacht. Zur Inspiration will sie demnächst Streuobstwiesenvereine im Wendland besuchen.

Aber nicht nur Unterstützung und größere Verbindlichkeit erhofft sich Brune durch eine Vereinsstruktur. Sie will das Biotop Streuobstwiese, das auf der roten Liste steht, auch erhalten wissen. Der Obstgarten liegt im Landschaftsschutzgebiet. Damit sei er vor Verkauf nicht geschützt – und der drohe, so Brune. Die Stadt führe mit einem Interessenten bereits Gespräche.

Manuel Baehr, Leiter des Fachdienstes Wirtschaft und Steuern, bestätigt das auf Nachfrage. „Die Stadt ist in Verhandlungen mit einem Interessenten, der das Grundstück kaufen will“, erläutert er. Baehr betont allerdings auch, dass nicht nur die Stadt möchte, dass die Streuobstwiese weiter bewirtschaftet und betrieben wird, sondern der mögliche Käufer ebenfalls. „Er will den Garten auf jeden Fall erhalten.“

Der Interessent würde Brune als Pächterin übernehmen, so Baehr. Ihr Wunsch wäre es allerdings, so die Wedelerin, Pächterin bei der Stadt zu bleiben.  

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