zur Navigation springen
Wedel-Schulauer Tageblatt

23. Oktober 2017 | 04:33 Uhr

„Das Laufen hält mich am Leben“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Der Wedeler Christian Chrosziel hat den sportlichen Weg aus Lebenskrisen infolge seiner Behinderung gefunden / Acht Marathons absolviert

„Ich bin Teil von etwas Größerem geworden. Ich war weg und bin als ein anderer zurückgekommen“, steht auf der Holztafel, die vor Christian Chrosziel auf dem Tisch liegt. Darüber steht in grünen Zahlen 42,195. Die Länge eines Marathonlaufs in Kilometern. Der 35-jährige Wedeler hat mittlerweile acht Stück absolviert – in Berlin, Hamburg und Rostock. „Für mich ist das, als hätte ich acht Mal die Champions League gewonnen“, sagt Chrosziel und ergänzte: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas jemals schaffen kann.“ Er leidet seit Geburt am Tuberösen Sklerose Complex (TSC) eine komplexe genetische Erkrankung, der bei 70 Prozent der Patienten für epileptische Anfälle sorgt und oftmals zu Entwicklungsstörungen führt. Die Behandlung beschränkt sich oft auf Linderung der Symptome. „Ich könnte ab dem Hals abwärts gelähmt sein. Für mich ist es ein Geschenk Gottes, dass ich Marathons laufen kann“, sagt Chrosziel.

Er machte seinen Realschulabschluss auf der Ernst-Barlach-Schule und absolvierte eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. „Weißt Du, warum Dein Kollege geht? Weil er nichts mit Behinderten wie Dir zu tun haben will“, sagte ihm sein Vorgesetzter im Baumschulbetrieb, in dem er lernte. Solche Sätze sind bei Chrosziel hängengeblieben. Er ist verunsichert. Wenn er wegen seiner Behinderung angefeindet wird, ziehe er sich zurück. „Ich mag auch nicht mehr sagen, wie es mir geht“, sagt Chrosziel. Oft habe seine Behinderung und er selbst sich bei der Jobsuche im Weg gestanden. „Ich greife niemanden an, werde aber ständig angegriffen.“ Seit 13 Jahren ist er arbeitssuchend. Das hat seiner Psyche zugesetzt. Chrosziel: „Man wird mit einer solchen Behinderung auch in eine Ecke gedrückt, in der ich nicht sein will. Ich will einfach nur meinen Lebensunterhalt wieder selbst bestreiten.“ Das Laufen half und hilft ihm, mit den Depressionen besser umzugehen.
„Das Laufen hält mich am Leben“, sagt Chrosziel. Im Oktober 2005 nahm ihn ein Freund erstmals mit zum Trainieren. „Das ging besser als erwartet“, sagt der Wedeler. Im darauf folgenden Sommer 2006 war er wegen schwerer Depressionen in Behandlung. Der Tiefpunkt einer schweren Lebenskrise. „Das hätte auch anders ausgehen können“, so Chrosziel rückblickend. Im Herbst 2006 startete er bei zwei Zehn-Kilometer-Läufen in Pinneberg und in Elmshorn. „Das Gefühl, das Ziel zu erreichen, war unglaublich. Ich habe mich so gut gefühlt, sportliche Wettkämpfe erfolgreich zu bestreiten“, sagt der 35-Jährige.

Er lief weiter. 2009 bestritt er seinen ersten Halbmarathon und gewann 2010 einen Startplatz für den Berlin-Marathon. „Ich musste das erstmal für mich verarbeiten. Ich hatte gerade 21,1 Kilometer absolviert und sollte die doppelte Strecke laufen“, erinnert sich Chrosziel. Nach langen Überlegungen entschied er sich, die Wildcard zu nutzen. Er trainierte dreimal die Woche und wurde vom Lauftreff Wedel unterstützt. „2010 war der Sommer meines Lebens. Es war unglaublich, was ich an Kilometern abgerissen habe. Seinen ersten Marathon absolvierte er mit 4:08:53. „Ich habe gemerkt, dass mir das gut tut und lag“, sagt Chrosziel. Sieben weitere Marathons folgten. Seine Bestzeit: 3:56:36 Stunden.

Chrosziel überlegt lange, was für ihn an einem Marathon besonders schwer ist. Dann schüttelt er den Kopf. „Eigentlich nichts. Ich war immer gut vorbereitet. Dann ist ein Marathon nicht schlimm“, sagt er. Bei den „langen Läufen“ wird er von seinem Vater auf dem Fahrrad begleitet. Besondere Unterstützung erhalte er vom Lauftreff Wedel: „Das ist meine zweite Familie.“ Dann wird er wieder nachdenklich: „Beim Training habe ich einen klaren Plan. Diesen brauche ich vielleicht auch für mein gesamtes Leben.“

Mit 35 will er nun zuhause ausziehen und in Hamburg ein neues, selbstbestimmtes Leben beginnen. „In Hamburg kann man mir besser helfen“, ist sich Chrosziel sicher und sagt: „Ich bin der Meinung, dass ich mit der richtigen Unterstützung noch ein richtig gutes Leben führen kann.“ Eine intensivere Unterstützung habe er sich von den Behörden, insbesondere dem Jobcenter, gewünscht eigentlich auch erwartet. „Doch das Jobcenter kann mit mir nichts anfangen.“

Sein größter Wunsch, wäre sich seinen Traum zu erfüllen – den Start beim New York Marathon. „Das ist finanziell derzeit natürlich nicht drin“, sagt Chrosziel, bevor er sein persönliches Fazit zieht: „Ich gewinne keine Preise mit dem Laufen, aber für mich persönlich habe ich durch das Laufen alles gewonnen.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert