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Wedel-Schulauer Tageblatt

26. September 2017 | 07:49 Uhr

„Das hier ist nicht kompliziert“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Yasser Ibrahim ist aus Syrien geflohen / Seit vier Monaten repariert der Motorrad-Mechaniker Fahrräder / Doch die Fahrradwerft schließt

Kaum wird ein Fahrrad in die Alte Bücherei in der Bahnhofstraße hineingeschoben, kniet Yasser Ibrahim bereits daneben und werkelt an dem Gefährt herum. Der syrische Flüchtling fällt durch Zurückhaltung und Bescheidenheit auf. Still schraubt er vor sich hin. Stundenlang. Ibrahim hat Durchhaltevermögen. Er ist kein lauter Mensch, eher introvertiert. Wenn er dann allerdings einmal lächelt, freut sich jeder automatisch mit ihm.

Auch Thilo Gehrke, Gründer der Fahrradwerft: „Yasser ist mega zuverlässig“, lobt er seine treue Kraft. Seit vier Monaten wohnt der Flüchtling in Wedel. Noch ist Ibrahim Asylsuchender. Trotzdem geht er bereits regelmäßig vormittags zum Deutschkursus – und sofort anschließend in die Selbsthilfewerkstatt. Hier fühlt er sich wohl. Hier hat er eine Aufgabe. Denn das Konzept der Fahrradwerft, die gespendete Fahrräder wieder flott macht, um sie an Flüchtinge oder andere Bedürftige abzugeben, heißt: Hilfe zur Selbsthilfe. Mit der Eigenarbeit an den Rädern steigt die Wertschätzung, erklärt Gehrke. „Wir greifen nur ein, wenn wir gefragt werden.“

Genau das richtige System, das Ibrahim braucht. Der Kurde aus einer kleinen Stadt nahe Aleppo war in seiner Heimat Motorrad-Mechaniker. Mit eigener Werkstatt. Fahrräder seien viel leichter zu reparieren als Motorräder, erklärt er und lacht: „Das hier ist nicht kompliziert.“ Ibrahim kann das natürlich noch nicht auf Deutsch sagen. Aber er weiß sich zu helfen. Er hat einen Schwager hier in Wedel, der für ihn übersetzt.


Gemeinsam mit Schwester und Cousine


Massoud Dabous war in Syrien Französischlehrer und wohnt bereits seit 13 Monaten in der Rolandstadt. Dabous floh zuerst. Dann folgte Ibrahim, der sich zusammen mit seiner Schwester und seiner Cousine auf den Weg machte. Gemeinsam wohnen alle vier nun in einer kleinen Wohnung – in Sicherheit.

Darüber sind sie sehr glücklich. Einziger Wermutstropfen im Moment: Die Fahrradwerft schließt. Die Selbsthilfewerkstatt muss raus aus den Räumen, die die Stadt verkaufte, und hat keine neue Bleibe gefunden. Dafür allerdings jemanden, der das Projekt weiterführen will. Die Diakonie übernimmt. Wie genau sie die Werkstatt konzipiert, wird zurzeit beraten. Der Übergang ist nicht nahtlos. Was wird Ibrahim mit seiner Zeit anfangen? Spazierengehen, sagt er, lächelt und zuckt etwas ratlos die Schulter.  

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