Bravo-Rufe im Rinderstall

Perfektes Zusammenspiel im Rinderstall: Andrej Bielow (Violine, von links), Herbert Schuch (Klavier) und Felix Klieser (Horn).
Perfektes Zusammenspiel im Rinderstall: Andrej Bielow (Violine, von links), Herbert Schuch (Klavier) und Felix Klieser (Horn).

Schleswig-Holstein Musik Festival: Felix Klieser (Horn), Herbert Schuch (Klavier) und Andrej Bielow (Violine) begeistern das Publikum

shz.de von
04. August 2018, 16:00 Uhr

Das launische Horn gilt als schwieriges Blasinstrument und wird in Orchestern als „hot seat“ bezeichnet. Kein Wunder, denn Hornisten bekommen auf der Bühne nur eine Chance – ein falscher Ton, ein ungewollt produzierter Kiekser und alle im Saal bekommen es überdeutlich mit. Dass Felix Klieser sich schon als Vierjähriger hartnäckig ausgerechnet auf dieses Instrument versteift hat, ist ungewöhnlich, aber für sein Publikum ein großes Glück. Bei seinem Konzert im Haseldorfer Rinderstall, anlässlich des Schleswig-Holstein Musik Festivals, hat der junge Musiker gezeigt, dass er diesem launischen Blech eine riesige Bandbreite an gefühlvollen Klangfarben abtrotzen kann.

Immer auf der Suche nach dem „Augenblick, in dem einfach alles passt“, absolviert der 27-Jährige nach wie vor Acht-Stunden-Probentage. „Ich bin nicht wahnsinnig talentiert, sondern davon überzeugt, dass man sich alles hart erarbeiten muss“, sagt er nüchtern und räumt mit dem Wunderkind-Mythos auf: „Alle Solisten sind hart arbeitende Menschen.“ Zusätzlich musste Klieser eine physische Herausforderung annehmen. Er wurde ohne Arme geboren und bedient die Ventile seines Horns durch die Zehen seines linken Fußes. Das Instrument wird von einem Stativ gehalten.

Doch nur der Fleiß macht es nicht: Klieser kann weit mehr als Noten spielen, er weckt durch sein Spiel Emotionen. Beispielsweise bei dem Zyklus „Quatre petites pièces“ von Charles Koechlin. Die Musik passte in ihrer Leichtigkeit perfekt zu dem heißen, satten Sommerabend – es war als würde Klieser das Publikum zu einem Spaziergang durch die schöne Haseldorfer Landschaft auffordern.


Ohne intellektuellen Umweg in den Bauch

Auch Schumanns Adagio und Allegro für Horn und Klavier und das Trio Nr. 1 von dem bedeutendsten Hornisten seiner Zeit, Frédéric Nicolas Duvernoy (1765-1838), kam ohne intellektuelle Umwege direkt im Bauch an.

Aber Klieser hat den voll besetzten Rinderstall nicht allein zum Klingen gebracht. Unterstützt wurde er von zwei großartigen Musikern, die in der internationalen Musikwelt zu Hause sind, bei namhaften Orchestern gastieren und auch als Solisten auftreten. Pianist Herbert Schuch studierte unter anderem im Salzburger Mozarteum und hat bereits mit nahezu allen namhaften Dirigenten gearbeitet. In jüngster Zeit spielte er erfolgreich mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie zusammen.

Der dritte des Trios ist Andrej Bielow. Er war mit Abstand auch der Temperamentvollste. Der sympathische Violinist ließ die Musik förmlich durch sich hindurchströmen. Seine Gesten und seine Mimik begleiteten das gesamte Konzert. Es war ein Schauspiel für sich: Auf seinem Stuhl wippte er auf und nieder, zeigte seine Begeisterung nach einem perfekten gemeinsamen Spiel indem er seine Arme mitsamt der Violine hochriss und war bei der Brahms-Sonate sichtlich ergriffen. Der charmante Musiker ist ein gefeierter Könner mit großer Erfahrung in renommierten Orchestern und auf Festivals in der ganzen Welt.

Das Zusammenspiel der drei Musiker war wunderbar. Die mehr als 1000 Gäste sparten nicht mit Applaus und Bravo-Rufen. Nach einer Zugabe hätten die Zuhörer gern noch eine zweite gewollt. Aber die drei Herren verabschiedeten sich und dann gingen auch schon die Tore des Rinderstalls auf.
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