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Kampfsport-Talent in Wedel : „Beim Taekwondo bin ich glücklich“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Mohamad Al Zabade (18) flieht vor Krieg und Militärdienst in seiner Heimat nach Deutschland. Kampfsport-Talent lebt jetzt in Wedel.

Wedel | Sieben Taekwondo-Kämpfer der „Golden Lions“ aus Pinneberg siegten Anfang Oktober bei den Norddeutschen Meisterschaften. Bei den Herren bis 68 Kilogramm durfte Mohamad Al Zabade den Pokal hochstemmen. Dass der junge Mann seine Kampfkünste ausgerechnet für einen Verein aus der Kreisstadt auf die Matte bringt ist der großen Weltpolitik geschuldet. Denn eigentlich beginnt Al Zabades sportliche Karriere in seiner Heimat Syrien.

Dort wächst er in der Hauptstadt Damaskus auf und beginnt 2009 mit Taekwondo. Der koreanische Kampfsport wird seine große Leidenschaft. „Ich habe jeden Tag trainiert, manchmal fünf Stunden. Für mich gab es nur Schule und Taekwondo“, sagt Al Zabade. 2014 verdient er sich den schwarzen Gürtel. Eine Teilnahme an Taekwondo-Weltmeisterschaften steht in Aussicht. Doch der syrische Bürgerkrieg macht seiner Karriere einen Strich durch die Rechnung.

Als Al Zabades’ 18. Geburtstag immer näher rückte, da weiß der junge Syrer, dass es Zeit wird zu fliehen. Denn 18 Jahre alt werden, das bedeutet für einen Teenager in Damaskus: Militärdienst. Kämpfen, im blutigen Konflikt zwischen Präsident Baschar al-Assad und den verschiedenen Rebellengruppen, darunter der Islamische Staat. Töten oder getötet werden – eine Wahl, die Al Zabade nicht treffen will. Dabei ist Damaskus auch für Zivilisten ein gefährliches Pflaster. „In der Innenstadt fallen täglich 20 bis 30 Bomben“, berichtet der junge Mann.

So machte er sich also auf den langen und gefährlichen Weg nach Europa. Die Familie blieb zurück. Al Zabade ist der jüngste Sohn, die Eltern fühlen sich zu alt für die Flucht über das Meer. Ganz allein reiste der Syrer also zunächst in die Türkei, nach drei Wochen geht die Reise über Italien weiter nach Deutschland. Einen Monat verbringt er in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster, seit vier Monaten lebt Al Zabade in Wedel – bislang in der Unterkunft an der Schulauer Straße. Demnächst wird der Syrer bei Privatpersonen unterkommen.

Heidi Keck hilft dem jungen Syrer bei seinem Start ins neue Leben in Wedel. (PT)
Heidi Keck hilft dem jungen Syrer bei seinem Start ins neue Leben in Wedel. (PT)
 

Als er sein neues Zuhause bezieht, trifft er dort das erste Mal Heidi Keck, die ehrenamtlich Flüchtlinge in der Rolandstadt betreut. Keck: „Ich frage die Menschen natürlich auch nach ihren Hobbys.“ Al Zabade erzählt ihr von seiner Sportbegeisterung. Gemeinsam suchen die beiden nach einer Möglichkeit für den Neuankömmling, wieder Taekwondo auf Wettkampfniveau zu betreiben. Fündig werden sie schließlich bei den „Golden Lions“ in Pinneberg. Der Verein nimmt Al Zabale gern auf. Stellt auch die Kampfausrüstung. Der 18-Jährige zahlt das Vertrauen mit Siegen zurück.

„Die Leute bei den ‚Golden Lion‘ sind sehr nett. Es ist nur noch ein bisschen schwierig, weil ich nicht so gut Deutsch spreche“, sagt Al Zabade. Das soll sich schnell ändern. Dank des Diakonievereins Migration ist er endlich in einen Intensiv-Deutschkursus für Akademiker gekommen und paukt jetzt jeden Tag.

Was danach kommt, weiß Al Zabade noch nicht. Nach derzeitigem Stand will er in Deutschland bleiben und hier einen Beruf erlernen. In Syrien war er auf dem Weg zum Abitur. „Eigentlich wollte ich Arzt werden.“ Doch in Deutschland muss sein Schulabschluss erst einmal anerkannt werden. Die erfolgreich absolvierte zehnte Klasse in Syrien wird in Deutschland meistens als Hauptschulabschluss anerkannt. „Er muss daher wohl erst eine Ausbildung machen und dann vielleicht studieren“, so Keck. Eine deutsche Schule besuchen darf er nicht. Mit 18 Jahren ist Al Zabade in Schleswig-Holstein gerade zu alt.

Er hofft, dass ihm die Disziplin und Einsatzbereitschaft, die er beim Sport zeigt, auch bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle helfen werden. Derzeit hilft ihm der Kampfsport auch dabei, seinen Alltag ohne seine Familie zu meistern. „Beim Taekwondo bin ich glücklich. Auf der Flucht konnte ich monatelang keinen Sport machen und war sehr schlechter Stimmung. Jetzt ist es besser.“ Sportlich will er einen Schritt nach dem anderen machen, genau wie im Berufsleben. Auf die Frage nach seinen langfristigen Zielen lacht der junge Syrer „Ich würde gern für die deutsche Nationalmannschaft kämpfen.“

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erstellt am 08.Okt.2015 | 16:30 Uhr

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