Hafenstraße iN Wedel : Back- und Nährmittelbetrieb Aromax: Der Boom kam mit dem Puddingpulver

Nach dem Krieg waren in der Nahrungsmittelindustrie vornehmlich Frauen beschäftigt.
Nach dem Krieg waren in der Nahrungsmittelindustrie vornehmlich Frauen beschäftigt.

Acht Jahre lang von 1945 bis 1952 produzierte der Back- und Nährmittelbetrieb Aromax in Wedel.

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21. August 2018, 16:00 Uhr

Wedel | Helga Hoffmann kann sich noch gut daran erinnern, wie ihre Eltern Fritz und Ilse Gwizdal gleich nach dem Krieg 1945 bei Aromax in Wedel unterkamen. Viele Fotos und Dokumente hat die Zeitzeugin, damals gerade ins Teenageralter gekommen, zum Treffen im Technicon mitgebracht. Und noch mehr Erinnerungen. Wenn Hoffmann erzählt, wird eine historisch mittlerweile sehr ferne, aber absolut spannende Welt lebendig.

Der Vater, eigentlich Zollbeamter, aber auch gelernter Schlosser und Seemann – „Die können ja eigentlich alles“, sagt Hoffmann und lacht – wurde als Maschinenschlosser in Wedels neuer Puddingfabrik eingestellt. Die Mutter füllte Tüten ab. „Fabrik für Essenzen, Extrakte, giftfreie Farben, Backhilfsmittel und Nährmittel“ stand anfangs noch zur Erklärung auf den offiziellen Dokumenten unter dem Firmenlogo Aromax. Lebensmittel für Backwaren und deren Vorstufen, Kuchenmischungen, Backaromen, aber auch Kindernahrung produzierte, mischte und vertrieb das Werk, veranschaulicht Gerhard Kuper vom Technicon die Angebotspalette.

Erinnerungen: Die Eltern von Helga Hoffmann, mit Ehemann Jörn, waren beide bei Aromax beschäftigt.
Foto: jac
Erinnerungen: Die Eltern von Helga Hoffmann, mit Ehemann Jörn, waren beide bei Aromax beschäftigt.
 

„Das war damals schon wichtig, dass man jemanden in der Lebensmittelfertigung hatte, bei den schlechten Zeiten“, erläutert Schwiegersohn Jörn Hoffmann schmunzelnd. Viele Frauen waren dort beschäftigt, erzählt Helga Hoffmann. Das ging über Mundpropaganda. Ein Zeitzeugenbericht aus dem Stadtarchiv besagt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag gefilzt wurden. „Als Abteilungsleiter musste mein Vater täglich alle Glühbirnen überprüfen“, fällt Helga Hoffmann zu dem Thema ein. „Auch die wurden nämlich viel geklaut.“

Repräsentative Adresse in Hamburg

Zuerst einmal hatte Maschinenmeister Fritz Gwizdal für den Aufbau der Maschinen zu sorgen. Die kamen 1945 zerlegt und oft auch kaputt mit dem Schiff aus Sudetenland in Wedel an. 1930 hatte sich die Firma Aromax GmbH Back- und Nährmittel gegründet. „Wo sie gefertigt hat, wissen wir nicht“, erläutert Kuper. Die repräsentative Adresse vermutlich der Verwaltung lautete Ballindamm in Hamburg. Von den Bomben der massiven Luftangriffe der Alliierten 1943 blieb auch Aromax nicht verschont. Noch vor Kriegsende wird die Firma ausgelagert.

Das umgestaltete Johannsche Silo mit neuem Aromax-Langhaus entlang der Hafenstraße.
Foto: Technicon
Das umgestaltete Johannsche Silo mit neuem Aromax-Langhaus entlang der Hafenstraße.
 

Wieso gerade in Wedel der Wiederaufbau versucht wurde, ist nicht vollständig geklärt. Die Gebäude von Willhelm Ladiges in der unteren Hafenstraße standen leer, stellt das Technicon-Team klar. Ladiges hatte 1940 den Margarineversandhandel seines Schwiegervaters aufgelöst. Vorher allerdings überall hin geliefert, auch nach Polen und Schlesien. Möglicherweise hatte er auch Kontakte zu Aromax unterhalten.

Aromax-Puddingpulver soll besser geschmeckt haben, als das der Konkurrenz.
Foto: Technicon
Aromax-Puddingpulver soll besser geschmeckt haben, als das der Konkurrenz.
 

In der Rolandstadt schoss die Back- und Nährmittelproduktion sofort durch die Decke. Bereits 1945 beschäftigte das Unternehmen 157 Arbeiterinnen und Arbeiter sowie 41 Angestellte. Noch vor der Währungsreform wurde 1947 ein Neubau angegangen. Der ragte zwischen dem ehemaligen Heylandtschen Eingangsgebäude und dem Stubenladen von Therese Jens dreistöckig empor. Vom Erdgeschoss bis zur zweiten Etage fehlten die Zwischenböden. Wahrscheinlich standen dort die riesigen Behälter für die Rohstoffe, vermutet Kuper. Im obersten Stock residierte das Lebensmittellabor. Ein Klinker-Langbau entlang der Hafenstraße bis zum ehemaligen Silo von Johannsen folgte. Und auch das wurde den Gegebenheiten angepasst. „Mit kleinen Änderungen steht das alles im Prinzip heute noch so da“, sagt Kuper.

Aromax-Pakete fürs blockierte Berlin

Nicht nur wegen guter Produktionszahlen machte das Unternehmen von sich Reden. Ebenso weil es einsprang, als in der Hauptstadt nichts mehr ging. Aromax befüllte, wohl auch wegen der günstigen Lage an der Elbe, die Rosinenbomber, die während der Berliner Blockade die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgten. Flugboote waren salzsicher und konnten nach der Beladung direkt vor Wedel auf dem Wasser durchstarten. Ab 1952 / 53 dann standen die Aromax-Gebäude zwei Jahre leer. Lange Zeit hieß es, das Unternehmen sei pleite gegangen, erzählt Kuper. Doch die Technicon-Unterlagen wissen es besser. Aromax verlagerte unter dem neuen Namen „Nährmittelwerk Wedel“ seinen Sitz nach Frankfurt am Main und produzierte dort noch 20 Jahre lang weiter.

Und die Gwizdals? Ihre Mutter ging recht bald bei der alten Chefin in Dienst, erzählt Helga Hoffmann. „Da hielt sich nämlich keine andere. Meine Mutter und Frau Lerch aber waren sich sympathisch.“ Möglicherweise wollte der Firmeninhaber die Ehefrau aber auch aus einem Konfliktfeld ziehen. Fritz Gwizdal trug nämlich wegen der Arbeit an den Maschinen keinen Ehering, erklärt die Tochter. Das lockte das Interesse der weiblichen Belegschaft sehr. Bereits 1949 ging der Maschinenmeister wieder zum Zoll. Ihn reizte das Beamtenverhältnis. „Das Puddingpulver soll aber besser geschmeckt haben als das von Dr. Oetker“, lobt Helga Hoffmann den alten Arbeitgeber der Eltern.

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