Freilichtkino in Wedel : Autojagd vor blutrotem Mond bei der Batavia

Wer zeitig eintrifft, bekommt auch noch etwas zu Essen.
Wer zeitig eintrifft, bekommt auch noch etwas zu Essen.

Trotz happiger Kosten für die Ausleihe bietet die Batavia ihr 100.000-Sterne-Kino nach wie vor umsonst an.

shz.de von
23. Juli 2018, 12:10 Uhr

Wedel | „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. . .“ – Ja, wenn diese eigentlich doch recht kitschige Schlagerschnulze aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Wedel ertönt, dann finden sie etwa 120 Besucher des Freilichtkinos an der Batavia richtig schön. Denn dann erleben sie das mit der roten Sonne und deren Untergang am Horizont der Wedeler Marsch. Alle in erster Reihe, alle mit einem Gläschen Wein oder Bier, mit gesunden und ungesunden Getränken vor sich. Capri, was ist schon Capri gegen den schönsten Platz der Welt Zuhause?

Genuss pur: Aus dem Liegestuhl heraus und mit einem Glas Wein oder Bier in Reichweite macht Kino unter freiem Himmel gleich noch mehr Laune.
Heinke Ballin

Genuss pur: Aus dem Liegestuhl heraus und mit einem Glas Wein oder Bier in Reichweite macht Kino unter freiem Himmel gleich noch mehr Laune.

 

Die Batavia-Crew hatte zum Freilicht-Kino geladen. Das geht natürlich erst los, wenn es so richtig dunkel ist. Doch die ersten kommen bereits so gegen 17 Uhr. Sie wollen die Logenplätze, direkt an der Reling auf der Batavia. Gegen 20 Uhr beginnt Hannes Grabau noch mehr Tische und Stühle aufzustellen. Alles geht blitzschnell. Die Crewmitglieder um ihren Käpt’n sind Profis, schließlich organisiert Grabau diese Veranstaltungen, die immer noch Freilicht und nicht Open Air heißen, bereits seit 1975. Ein Handgriff, zack-zack, stehen die Sonnen-Liegestühle von den Stadtwerken gleich da, wo später einmal die Leinwand hochgehievt wird. Immerhin noch immer 25 Grad da draußen an der Wedeler Au.

Planung für den großen Urlaub

Nebenan tüfteln zwei Frauen an ihrem nächsten großen Urlaub. Bücher über Kathmandu, Nepal, Östliches und Nördliches China, Himalaja stapeln sich auf dem Tisch. „Du musst aber einen speziellen Schlafsack mitnehmen, in dem du bei bis zu minus 20 Grad übernachten kannst“ sagt die eine. Irgendwie unvorstellbar hier jetzt an der Batavia mit den großen grünen Sonnenschirmen und mit den vielen Erfrischungsgetränken.

Immer mehr Besucher kommen. Einige tragen Decken und warme Jacken, das sind die Dauerbesucher, die die Abende hier kennen. Die auf den Logenplätzen an der Reling üben sich im Gesang und friemeln an den Strophen von „An de Eck steiht enn Jung mit nem Tüttelband“ Den Refrain können sie prima, bei der Deern mit dem Eierkorb wird es „figgeliinsch“ (auf hochdeutsch knifflig).

Begrüßung im Hawaii-Hemd

Grabau begrüßt seine vielen Gäste. Heute im orange-gelb-grünen Hawaii-Hemd, passend zum Wetter. Früher war die Leinwand direkt an der Mauer des Sperrwerks, die Filme auf riesigen Rollen und er brauchte ganz viel Tesafilm, falls der Film mal riss – und das passierte oft. Heute wird nur eine DVD eingelegt – fertig. Dafür verlangt der Ausleiher viel Geld – zuviel für Freilichtkino ganz umsonst . . . Daher lässt der Käpt’n eine Spendenbox rumgehen und es raschelt viel öfter, als es klimpert, wenn die Besucher in die Tasche langen.

Der Film „Kill the Boss“ geht los. Es wird viel gelacht, aber er ist eher so ein Männerding, mit Auto-Verfolgungsjagden und ganz schön sexistisch, doch spannend. Inzwischen ist es kühl geworden, alle haben Jacken an und verschwinden gegen Mitternacht blitzschnell ins warme Zuhause. Die Crew macht sauber – in Windeseile. Und alle gucken zur neuen Sensation: ein blutroter Halbmond am Himmel über der Elbe – wie eine kandierte Orangenscheibe.

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