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Wedel : August Sander-Fotografien im Ernst Barlach Museum

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Auf der Suche nach dem Typischen - Werkeinführung durch den Urenkel.

Wedel | Dichtes Gedränge herrschte im Ernst Barlach Museum anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „August Sander und die Kölner Progressiven“. Den musikalischen Rahmen gestalteten die beiden Klavier-Studentinnen Natalia Maximova und Maria Kovalevskaia, die virtuos vierhändig Werke von Fauré, Sati und Strawinsky spielten. Jürgen Doppelstein, Vorsitzender der Ernst Barlach Gesellschaft, ordnete eingangs das Werk August Sanders zeitgeschichtlich ein als „Spiegel der Neuen Sachlichkeit“, der progressiven Kunstrichtung zwischen 1918 und 1933. Ihm sei es gelungen, durch Aufnahmen mit der Plattenkamera, die langes Posieren erfordere, ohne technischen Schnickschnack das unverstellt Typische der Menschen einzufangen und somit Soziologie zu schreiben.

Das habe ihn auch mit der Künstlergruppe der Kölner Progressiven verbunden, der es um die allgemeingültige schematische Widergabe der Wirklichkeit ging. Die Gruppe, zu der unter anderem Franz Jansen, Heinrich Hoerle und Gerd Arntz gehörten, übte Gesellschaftskritik, um aufzurütteln, zu revolutionieren. Die Figuren in den malerischen und grafischen Arbeiten sind nicht individuell ausformuliert, sondern stehen schematisiert exemplarisch für bestimmte Typen.

Durch die Mischung der 60 Fotografien von Sander mit etwa 40 Arbeiten der „Kölner Progressiven“ entsteht eine interessante Wechselwirkung zwischen den abstrakten Grafiken und Gemälden und den ausdrucksstarken Fotografien.

Julian Sander, Kurator und Urenkel des Fotografen, beschrieb in seiner Rede die Motivation seines Vorfahren und dessen künstlerischen Freundeskreises: „Sie wollten die Welt besser gestalten, wollten die Kunst demokratisieren. August hat Typologien geschaffen, es geht immer um die Wahrheit. Ich lade Sie ein, Ihre Herzen zu öffnen für Augusts Fotografien.“ Er selbst finde immer noch Neues in den Fotografien seines Urgroßvaters, in denen eine enorme Scharfsinnigkeit stecke. August Sander habe die Träume und Vorstellungen der Menschen, ja, ihre Seelen, eingefangen. Gelungen sei ihm das durch die Ruhe, die er vermittelt habe. Er habe den Menschen zeitlich Raum gelassen, zu sich zu kommen, ganz sie selbst zu sein.

Einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts

Sander zählt zu den wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Seine Aufnahmen zeigen das Individuum und das, was es als Teil einer bestimmten Gruppe oder Schicht ausmacht. Sie offenbaren das Wesen der Menschen, das seinen Ausdruck in Haltung und Mimik findet. Sanders Fotos erzählen wahre Geschichten, nichts Konstruiertes. Sein 1929 erschienenes Buch „Antlitz der Zeit“, aus dem die Exponate stammen, ist eine eindringliche Beschreibung der Gesellschaft in der Weimarer Zeit.

Sander gelingt es dabei, sowohl das Individuelle als auch das Gruppentypische herauszustellen. Der Fotografierte sieht den Betrachter direkt an, kein Lächeln übertüncht den Blick. Die Mühsal der Arbeiter und Bauern ist fast spürbar. Aber auch der Stolz und Wille, sich trotz allem zu behaupten. Sanders Sicht der Menschen war voller Respekt, egal welcher Gruppe sie angehörten. Er begegnete ihnen auf Augenhöhe und schuf damit Wahrheit.

Die Ausstellung ist bis zum 28. August 2015 im Ernst Barlach Museum, Mühlenstraße 1, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.
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erstellt am 17.Mär.2015 | 16:00 Uhr

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