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Wedel-Schulauer Tageblatt

20. August 2017 | 04:41 Uhr

Aufzeichnen, bevor es zu spät ist

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Wer weiß noch etwas über Moorrege im Dritten Reich? / Zeitzeugen bringen neue Erkenntnisse / Recherche soll weitergehen

„Moorrege im Dritten Reich – Wer weiß noch etwas?“ Das Erinnerungstreffen, zu dem die geschichts- und heimatinteressierten (Ur)Moorreger Uwe Mahnke und Hauke Heidecke öffentlich eingeladen hatten, ist in vielerlei Hinsicht ein Erfolg geworden. Denn die beiden Initiatoren konnten nicht nur mit acht Besuchern eine für das Unterfangen stattliche Anzahl an Interessierten begrüßen. Sie konnten darüber hinaus auch jede Menge spannende Fakten erst einmal selbst vortragen. Und bekamen hierzu sogar direkt detaillierte Neuigkeiten geliefert, durch die so manche ihrer Wissenslücken geschlossen wurde. „Wir machen weiter“, lautete folgerichtig ihr positiver Tenor zum Schluss der Veranstaltung.

Mahnke und Heidecke interessieren sich in erster Linie für die Menschen, die in Moorrege während der Zeit des Krieges lebten. Was sie durchmachten, wie sie überlebten, wie Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter behandelt wurden. „Wir schicken voraus, dass wir nicht vorhaben, Leute an den Pranger zu stellen, auch nicht deren Nachkommen“, betonte Mahnke. Ihnen ginge es ums Dokumentieren. Ein Bericht über die Kriegszeiten sei damals für die dicke Moorreger Chronik eingereicht, aber aus „unerklärlichen Gründen“ nicht mitgenommen worden. Jetzt gelte es, eine Lücke zu schließen.


Zwangsarbeiter verschenkt Schokolade


Die beiden Hobby-Historiker gingen vollkommen unterschiedlich an ihre Recherchen heran – und ergänzen sich damit großartig. Während Heidecke an die 25 Mal bis zu vier Stunden mit dem kürzlich verstorbenen Zeitzeugen Werner Suhl zusammensaß, dessen lebhafte und bewegende Erinnerungen aufschrieb, versucht Mahnke Einzelschicksale aus Melderegistern, Archivverzeichnissen und Krankenhaus- sowie Sterbelisten herauszufiltern.

Drei Kriegsgefangenenlager gab es in Moorrege und jede Menge Zwangsarbeiter aus unterschiedlichen Ländern. Suhls Erinnerungen beschreiben ein gutes Verhältnis zu zwei französischen und drei russischen Gefangenen, die für den Hof eingeteilt waren, den nurmehr er, der Junge, und sein Großvater bewirtschafteten. Trotz gegenteiliger Anweisung wurde gemeinsam gegessen, und aus Carepaketen aus der französischen Heimat bekam Suhl sogar Schokoladenstücke ab.

Hier hakte Besucher und Zeitzeuge Hans Böttcher ein. Ihm hatte der französische Zwangsarbeiter, den er mit dem Rad begleiten und bewachen musste, sogar Kopfhörer fürs selbst gebaute Radio organisiert. „Wie, das weiß ich nicht“, erzählte er. Böttcher entpuppte sich während des Abends als wertvolle Quelle. Auch die hochschwangere verschleppte Russin, von der Mahnke lediglich einige Daten hatte, kannte er – und konnte Kontakte vermitteln.

„Was machst du die nächsten Abende und Wochenenden? Da werde ich wohl deine Zeit in Anspruch nehmen“, drohte ihm Heidecke mit leuchtenden Augen. Böttcher nickte. Die Zuhörer wünschten sich, dass alles schriftlich fixiert würde. Als Ergänzung zur Chronik möglicherweise? Diese Frage ging an Bürgermeister Karl-Heinz Weinberg, der im Publikum saß. Doch Weinberg wiegte den Kopf – er mochte sich nicht festlegen. Irgendetwas wird zustande kommen, vielleicht auf CD oder im Netz, versprachen die beiden Heimathistoriker. So viele neue Querverbindungen, so viele neue Rechercheideen habe das Treffen erbracht, dass die Arbeit selbstverständlich weitergehe. Man darf gespannt sein.

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erstellt am 01.Feb.2014 | 16:00 Uhr

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