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Wedel-Schulauer Tageblatt

24. August 2017 | 12:51 Uhr

Anrüchige Ecke

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Klagelied über die Verunstaltungen des Wedeler Stadtbildes muss wohl schon Volksliedcharakter erlangt haben lange vor unserer Zeit. Trotzig übertönte in den 1930er Jahren noch das liebliche Liedlein des selbsternannten Heimatdichters Gustav Hagen die anschwellende Kakophonie: „Lockt dich des Himmels tiefstes Blau / hinab zum Elbestrand, / ruht auf der Stadt an grüner Au / dein Blick wie festgebannt (…) / Mein Wedel, wie bist du schön!“ Und kurz vor dem Bombenangriff im März 1943 schwärmten noch die auflagenstark gedruckten Fremdenverkehrsprospekte über die Schönheit Wedels als Ferien-Attraktion am Elbstrand. Doch zum wiederholten Mal im März 1937 versuchte der Dirigent in der Stadtverwaltung Wedels sein Orchester zum Gleichklang zu zwingen mit einer „Polizeiverordnung (PV) gegen die Verunstaltung des Ortsbildes, für Erhaltung von Naturdenkmälern usw.“ Verhandelt wurde über einschneidende Maßnahmen zur Rettung der Schönheit der Kleinstadt.

Zerstörte Häuseranstriche sollten überpinselt, die Schweinehaltung eingedämmt, Düngerstätten an der Straße entfernt und das Wegwerfen von Papier unter Strafe gestellt werden. Auf Vorschlag des Herrn Stadtinspektors Pieper wurde aufgerufen „zur Gründung einer Schönheitskommission zwecks Ausrottung allen Kitsches und Hebung künstlerischer Gartenkultur, sowie architektonischer Schöpfungen.“ „Vordringlichere Arbeiten ließen“ die Ausarbeitung einer „Ortspolizeiverordnung zum Schutze des Ortsbildes“ noch bis zum Jahre 1959 pausieren.

Als „vordringlichere Arbeit“ galt im Juli 1942 beispielsweise eine Baumaßnahme in der Austraße 2 (heute Parkplatz schräg gegenüber der Rolandstatue). „Wir“, die J. D. Möller GmbH, „haben die Absicht, auf dem Dörnerschen Grundstück hinter dem Wohnhaus gegen Sicht verdeckt eine Abortanlage einzurichten.“ Im Bauantrag wird auch begründet, warum die Baumaßnahme unumgänglich war: „Die für uns arbeitenden kriegsgefangenen Russen essen mittags im früheren Gastzimmer des „Lagers Roland“. Da es verboten ist, dass die kriegsgefangenen Russen mit den Zivilrussen irgendwie in Berührung kommen und außerdem im „Roland“ die russischen Frauen untergebracht sind, ist es nicht möglich, die Abortanlage von diesen kriegsgefangenen Russen benutzen zu lassen.“ Die amtliche Antwort: „Gegen die Errichtung einer provisorischen Abortanlage erhebe ich kein Bedenken.“

Noch 1953 erregte die Ecke des Dörnerschen Hofs, an der die Abortanlage betrieben worden war, das Missbehagen der Stadtoberen. Mehrere ohne Genehmigung angebrachte Firmenschilder und insbesondere der weiße Farbanstrich „wirken störend und verunstalten das Stadtbild erheblich.“ Alfred Gebs, der Betreiber einer Auto-Werkstatt mit Spezialisierung auf Auto-Elektronik, trat die Flucht nach vorn an und beantragte, den gesamten Hausgiebel weiß anpinseln zu dürfen. Ob die angedrohten Zwangsmaßnahmen vor dem Abriss des Hofs im September 1964 noch für die gebührliche Schönheit des Wedeler Ortsbilds sorgten, werden wohl ältere Einwohner noch wissen. Ob der Parkplatz heute höheren ästhetischen Ansprüchen genügt, mögen andere entscheiden.  





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erstellt am 16.Feb.2017 | 10:32 Uhr

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