1,3 Tonnen Schwarzpulver : Als die Pulverfabrik in die Luft ging: Wedels große Explosion

Alles war zerstört, nur der Fabrikschornstein blieb unversehrt.
Alles war zerstört, nur der Fabrikschornstein blieb unversehrt.

1878 starben zehn Menschen, 135 wurden verletzt. Ein Jahr später ging die Fabrik wieder in Betrieb.

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27. Februar 2018, 17:00 Uhr

Wedel | Am 6. Mai 1878, abends um halb zehn, ist die Katastrophe da: Wedels Pulverfabrik explodiert. „1,3 Tonnen Schwarzpulver sind damals hochgeflogen“, schätzt Gerhard Kuper vom Technicon. Drei schnelle Explosionen, eine stärker als die vorige, erzeugen Druckwellen, die alles niederreißen. Gebäude stürzen ein, Ziegel und Steine fliegen durch die Luft, Bäume wurden entwurzelt. Den Rest erledigt das Feuer.

„Der ungeheure Luftdruck, der entsteht, trägt ihn weg, etwa 100 Fuß weit, indem die Füße bald den Boden berühren, bald darüber hinwegschweben, und wirft ihn gegen die Einzäunung von Draht, wo er niederfällt.“, heißt es über einen Maschinenmeister, der überlebt. Die Reichweite ist gewaltig.

Die Siebmühle ist vermutlich zuerst explodiert.
Technicon
Die Siebmühle ist vermutlich zuerst explodiert.
 

„Auf 12 Meilen im Umkreise hat man am Klirren der Fenster und am Klappern der Türen die Gewalt der Explosion gespürt“, schreibt Pfarrer Reinhold Thode, der als Hobbygeschichtsschreiber um die Jahrhundertwende Informationen und Augenzeugenberichte über das Ereignis zusammensammelt. Das Technicon-Team weiß, dass die gewaltigen Detonationen sogar die Erdbebenwarte in Göttingen anspringen ließen.

Ein Feuerstreifen, der wie eine Schlange ankommt

Bin anderer Arbeiter, der sich gerade vor der Tür die Beine vertrat, wird von der ersten Druckwelle zu Boden gerissen und verliert sofort das Bewusstsein. Vorher jedoch erkennt er noch, wie die Katastrophe auf ihn zukommt: „Auf einmal flog die Tür auf, der Direktor Schlu mit drei Arbeitern stürzte heraus mit dem Ruf: „Jetzt ist alles verloren!“ und durch die offene Tür sah ich längs dem Fußboden einen Feuerstreifen wie eine Schlange sich bewegen. Sogleich erfolgte die Explosion“, lässt Thode ihn berichten. Zehn Menschen sterben, einschließlich des Teilhabers und technischen Leiters August Schlu.

An der Stelle des Magazins klaffte ein 30 Fuß tiefes Loch.
Technicon
An der Stelle des Magazins klaffte ein 30 Fuß tiefes Loch.
 

Aller Wahrscheinlichkeit nach hat grobe Fahrlässigkeit das Drama ausgelöst. 1877 hatten vier Unternehmer das Ödland in Schulau, am heutigen Ende der Pulverstraße gelegen, „für ’nen Butterbrot und Ei“, also praktisch umsonst überlassen bekommen, erläutert Rudolf de Wall. Kleinere Explosionen gab es immer mal, denn die Pulverfabrik wurde mit „unglaublicher Nachlässigkeit und in Missachtung der Brandschutzauflagen“ geführt, so Kuper.

In einfachen Holzschubkarren wurde das lose Pulver transportiert, das herausrieselte und überall Spuren hinterließ. Statt es ordnungsgemäß im Magazin zu verpacken, wurde es aus Kostengründen in dem Bretterverschlag lose wie Getreide im Speicher aufgeschüttet. Und obwohl Filzschuhe Pflicht waren, gingen Beschäftigte in festen Schuhen, deren Sohlen mit Eisennägeln beschlagen waren, umher.

Neun Jahre bis zur Entschädigung

Nachbarn gab es nicht, zwei Bauernhöfe in Tinsdal, lagen am dichtesten dran. Und doch richtete die Detonation heftige Zerstörungen auch im weiteren Umkreis der Pulverfabrik an. 135 Haushalte meldeten Regressansprüche an. Die wurden lange von den Gerichten abgewiesen.

 Doch Johann Diedrich Möller, der sich an die Spitze der Geschädigten setzte, gab nicht auf und erlangte nach neun Jahren eine Abfindung für alle von nach heutigem Wert 135.000 Euro. Außerdem dokumentierte Möller die Zerstörung der Fabrik mit der Kamera. Die Bilder sind im Technicon einzusehen. Als erster Fotograf in Wedel sei er hinausgegangen und habe er sich solch einem Thema gewidmet, betont de Wall.

Das so genannte Aktienhaus an der B  431 Ecke Voßhagen.
Technicon
Das so genannte Aktienhaus an der B 431 Ecke Voßhagen.
 

Bereits ein Jahr später produzierte die Pulverfabrik schon wieder. Doch ein Dynamit-Zwischenlager, das zur selben Zeit nebenan errichtet werden sollte, konnte von der Bevölkerung, der die Katastrophe noch in den Knochen steckte, verhindert werden. Zweimal wurde der Lageraufbau nach wenigen Tagen zerstört. Dann ließen die Verantwortlichen von ihren Plänen ab.

Bis vor zwei Jahren stand noch das alte Verwaltungsgebäude.
de Wall
Bis vor zwei Jahren stand noch das alte Verwaltungsgebäude.
 

Weil der Hamburger Hafen nach einer Reihe kleinerer Explosionen für den Transport von Pulver gesperrt wurde und mit dem Bahnanschluss Wedels 1883 verlagerte sich der Transport des Schwarzpulvers vom Schiff auf die Schiene. Altona hatte seine Einwilligung gegeben. Doch mit einer neuen Direktive von 1899, die besagte, dass zukünftig kein Wohnhaus dichter als 300 Meter an einer Verladestation liegen dürfe, die Lizenz auch wieder hinfällig werden lassen.

Jetzt sollte eine neue Verladestation her, und zwar in Höhe Voßhagen. Doch das verhinderten drei Wedeler Handwerker mit einem schlauen Coup. Sie bauten schnell ein Haus innerhalb des 300 Meter Radius, an der heutigen B 431. Im Volksmund hieß das Haus fortan spaßeshalber das Aktienhaus. Als mittlerweile einziges Zeugnis aus der Zeit steht es noch heute. Die Pulverfabrik hingegen musste 1903 ihren Betrieb aufgeben.

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