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„Gretchen 89ff.“ : Alles gegeben und alles bekommen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Hübners „Gretchen 89ff.“ begeistert das Premierenpublikum im Theater Wedel. Goethes Paradestück wird zur Paraderolle der Mimen.

Wedel | Selbst Kulturbanausen kennen Goethe und den „Faust“ – aber nicht so: Lutz Hübner hat eine kurze Szene mit dem Gretchen herausgepickt und daraus ein Stück von eindreiviertel Stunde gemacht. Wer da Langeweile wittert, hat weit gefehlt. Das Gegenteil ist der Fall. Gut inszeniert und gespielt – wie jetzt bei der Premiere von „Gretchen 89ff.“ im Theater Wedel – erlebt man einen unvergesslichen Abend mit Komik und Hintersinn, ist von der ersten bis zur letzten Sekunde gefangen von dem Geschehen auf der Bühne.

Vorab wird die Originalszene auf einer großen Videowand gezeigt. Das Gretchen betritt den Raum, stöhnt über eine gewisse Schwüle und will sich zu Bett begeben. Es singt ein Lied, entdeckt dann ein Kästchen samt Schlüssel im Zimmer, öffnet dasselbe und findet ungeahnten Reichtum, kostbaren Schmuck. Diese wenigen Minuten sind die Grundlage des Stücks.

Diese Szene wird achtmal gezeigt, wie ebensoviele Regisseure es mit ihren Schauspielern proben und erarbeiten. Der Zuschauer wird mitgenommen in die Welt des Theaters, darf hinter die Kulissen schauen und Zeuge dessen werden, wie alles entstehen kann, eben ganz nach Wesen und Charakter der jeweils Beteiligten. So besteht das Stück aus acht Bildern, zeigt das breite Spektrum der Möglichkeiten, die vom „alten Haudegen“ über den „Streicher“ bis hin zum „Tourneepferd“ reichen.

Der Zuschauer wird vor jedem neuen „Äktchen“ von einer Sprecherin eingestimmt. Mit Gerta Hellriegel ist dieser Part trefflich besetzt. Wenn sie von ihrem erhöhten Logenplatz die jeweiligen Einführungen gibt, hat man den Eindruck, da sitzt eine erfahrene, ältere Dame aus der Branche, die aus dem Nähkästchen plaudert.

Die verschiedenen Bilder werden so überzeugend dargestellt, dass man sich wirklich als Mäuschen bei der Probe fühlt. Ursprünglich werden die insgesamt 16 Rollen von nur zwei Schauspielern aufgeführt. In Wedel hat man das auf vier Akteure aufgeteilt: Andrea Speer, Krista Kniel, Ben Bewersdorff und Gerhard Seel. Unter der Regie von Günter Hagemann läuft das Quartett zu Höchstform auf.

Die verschiedenen Charaktere werden intensiv und überzeugend gespielt. Dabei besticht vor allem die ungeheure Verwandlungskunst, das perfekte Schlüpfen von einer in die andere Rolle. Kam etwa Bewersdorff gerade noch als Kette rauchender „Schmerzensmann“ daher, der fast gewalttätig anmutet, so erscheint er direkt darauf als seichter und sanftmütiger „Streicher“, einer eher laschen und ratlosen Figur.

Seel hat für das „Tourneepferd“ extra den wienerischen Akzent trainiert, denn sein Regisseurspart zeigt einen Prototypen der Szene, eine Mischung aus Lausbub und Lebenskünstler, leicht fettleibig und weder dem Alkohol noch der Weiblichkeit abgeneigt. Kniel serviert die Bandbreite ihres Könnens, kommt als Dramaturgin und echte Powerfrau daher, wenig später ist sie grandios eine typische Diva. Voll ausspielen kann sich auch Speer, wobei ihr Part als „Anfängerin“, die alles besser und und engagiert machen möchte, besonders hervorsticht. Ausgefeilte Mimik bis ins letzte Detail und absolut glaubwürdiges Spiel – so zieht man Zuschauer in seinen Bann.

Das Publikum ließ sich des öfteren zu Szenenapplaus hinreißen und am Ende wurde vor Begeisterung mit den Füssen getrampelt.

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erstellt am 12.Mai.2014 | 13:30 Uhr

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