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Wedel-Schulauer Tageblatt

20. Oktober 2017 | 23:58 Uhr

Wedel / Kiel : Aktiv gegen Krieg und Faschismus

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Bundesverdienstkreuz für Marianne Wilke aus Wedel.

shz.de von
erstellt am 31.Mär.2015 | 14:30 Uhr

Wedel / Kiel | Marianne Wilke (85) ist von Ministerpräsident Torsten Albig in Kiel mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Die Wedelerin ist eine der letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Herrschaft in Schleswig-Holstein und – so die Laudatio – hält als Zeitzeugin die Erinnerung an die Verbrechen wach. Vor allem in Schulen, Kirchen und Erinnerungsstätten berichtet die Friedensaktivistin von den Gräueltaten der nationalsozialistischen Herrschaft. Wilke ist der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein verbunden und darüber hinaus Mitglied im Härtefonds für die Opfer des Nationalsozialismus beim Sozialministerium. Bürgermeister Niels Schmidt ließ es sich nicht nehmen, Wilke persönlich mit dem Auto zur Feier zu chauffieren.

Sie spricht mit leiser Stimme, der Blick ist klar und freundlich. Marianne Wilke wirkt mit ihrer zarten Erscheinung zerbrechlich und fast schüchtern. Aber weit gefehlt. Die 85 Jahre alte Wedelerin steht für beispielhaftes politisches und soziales Engagement.

Seien es Ostermärsche, Gedenkveranstaltungen oder ihre Aufklärungsarbeit als Zeitzeugin, immer tritt die mehrfache Großmutter mutig für ihre Überzeugung und gegen das Vergessen der Gräueltaten des Naziregimes ein. Hinzu kommen ihre Mitgliedschaft im Freundeskreis der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund und in der Initiative „Blumen für Gudendorf“. Am 9. Mai wird dort der sowjetischen Opfer gedacht, die im Kriegsgefangenenlager umgebracht wurden, und an ein friedliches Miteinander appelliert.

Denn Wilke und ihre Mitstreiter fühlen sich dem Schwur der Überlebenden des KZ-Buchenwald „Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus“ verpflichtet. So engagiert sie sich seit 1970 bei der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“ und war 13 Jahre deren Vorsitzende in Schleswig-Holstein, bevor sie schließlich Ehrenvorsitzende wurde. Als Mitglied des Härtefonds für Opfer des Nationalsozialismus macht sie sich zudem seit zehn Jahren für die Entschädigung der Opfer stark.
In ihrer Heimatstadt setzt sich die Kämpferin sowohl im Arbeitskreis der Stadt Wedel gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit als auch in der von ihr mitgegründeten Friedenswerkstatt unermüdlich für Frieden und Toleranz ein.

Den größten Raum nimmt dabei ihre Arbeit als Zeitzeugin ein. Das ist ihr Herzensanliegen. In Schulen und Erinnerungsstätten erzählt die gebürtige Marianne Lehmann von ihrer Kindheit als Halbjüdin in der Nazizeit. Auch davon, dass die jüdischen Großeltern nach Riga deportiert und ermordet wurden. An der dortigen Ghettomauer stehen ihre Namen: Henriette und Philipp Lehmann. Marianne Wilke schildert in ihren Vorträgen die damals alltäglichen Schikanen gegen Juden und die generelle Atmosphäre der Angst. „Meine Mutter hatte Angst, wenn sie Schritte im Treppenhaus hörte. Einmal standen zweischwarz gekleidete Männer in unserer Küche und forderten meine Mutter auf, sich endlich scheiden zu lassen. Sonst ginge es ihr und den Kindern schlecht.“ Zum Glück kam es nicht dazu.

Die Wedeler Kämpferin (Mitte) bei einer Demonstration in Pinneberg im Juni 2009. (Foto: Falkenberg)
Die Wedeler Kämpferin (Mitte) bei einer Demonstration in Pinneberg im Juni 2009. (Foto: Falkenberg)
 

Viele haben zu den mörderischen Machenschaften der Nationalsozialisten geschwiegen und dadurch Faschismus und Krieg zugelassen. Damit das nie wieder geschieht, klärt sie auf und erhebt ihre Stimme: „Man muss Unrecht benennen und Nein sagen, nicht dem Mainstream folgen. Jeder hat die Verantwortung, die Welt zu verbessern. Man muss etwas dafür tun, dass der Friede bleibt.“

Im Mai wird sie anlässlich der Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“ in der Gebrüder-Humboldt-Schule aus ihrem Leben berichten. Marianne Wilke erwähnt dabei auch die Mutigen, die sich widersetzt haben. So konnte sie bis 1943 die Schule in Hamburg Eimsbüttel nur besuchen, weil ihre Lehrerin sie lange nicht als Jüdin angegeben hatte. „Das war sehr mutig von ihr.“ Danach fand sie Schutz im Haushalt der Freundin ihrer Lehrerin. So überlebte sie, machte nach Kriegsende ihr Abitur und eine Ausbildung zur Erzieherin. „Ich wollte nur etwas mit Kindern zu tun haben“, sagt sie.

In der offiziellen Begründung des Ministeriums heißt es: „Marianne Wilke hat sich über viele Jahrzehnte herausragende Verdienste in der Erinnerungsarbeit erworben und zeigt ein nachhaltiges Wirken im Kampf gegen Rechtsextremismus.“

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig hat ihr am Montag das Bundesverdienstkreuz in der Kieler Landesbibliothek überreicht. Wie es ihrer zurückhaltenden Art entspricht, nimmt Marianne Wilke die Auszeichnung nicht für sich selbst entgegen. Dafür ist sie zu bescheiden. Sie sieht sich als Stellvertreterin für alle Antifaschisten, die die Erinnerung an den Nazi-Terror wach halten, und wünscht sich „dass die Friedensbewegung wieder stärker wird und Einfluss auf die Politik behält.“

Auf der Fahrt nach Kiel hatten Marianne und Günther Wilke einen prominenten Chauffeur: Wedels Bürgermeister Niels Schmidt ließ es sich nicht nehmen, die Kämpferin für den Frieden selbst zur Ehrung zu bringen.

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