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Mit Slideshow : 65 Jahre Willkomm Höft: Der große Traum eines Wedeler Buttjers

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Wie aus dem Wunsch eines kleinen Jungen ein weltberühmtes Stück Tradition wurde.

Wedel | Ein Junge steht am Ufer der Elbe und winkt den vorbeifahrenden Schiffen zu. Immer wieder, Schiff um Schiff. So erzählt man sich in Wedel. Doch die Schiffe und Seeleute wollen einfach nicht zurückgrüßen. Das ärgert den Jungen. Er beginnt sich Gedanken zu machen. Wie kann man das ändern? Wie schafft man es, den Schiffen einen Gruß aus Hamburg mit auf den Weg zu geben?

Bis zur Lösung des Problems vergingen Jahrzehnte. Der Junge, Otto Friedrich Behnke, war schon angesehener Gastronom und Kaufmann, als er seine Idee einer Begrüßungsanlage umsetzen konnte. Vor 65 Jahren war es soweit – erstmals wurde ein Schiff vor den heutigen Toren Hamburgs, am Elbufer in Wedel, mit der in ihrer Form einmaligen Schiffsbegrüßungsanlage willkommen geheißen.

Der Gründer: Otto Friedrich Behnke (l.) bei der Einweihung der Anlage mit dem Seemann Felix Graf Luckner.
Der Gründer: Otto Friedrich Behnke (l.) bei der Einweihung der Anlage mit dem Seemann Felix Graf Luckner. Foto: Willkomm Höft

Bis zum heutigen Tag ist das Prozedere unverändert. „Alle Schiffe, die nach Hamburg fahren und mehr als 1000 Tonnen haben, werden auf Deutsch, in der Landessprache des Schiffes und mit der jeweiligen Nationalhymne begrüßt“, beschreibt Eckart Bolte, 69 Jahre alt und seit 16 Jahren Begrüßungskapitän, den Ablauf. „Und wenn sie wieder auslaufen, dann wird ihnen eine gute Reise gewünscht. Dazu wird die ‚Gute-Reise-Flagge‘ gesetzt. Das sind die Buchstaben ‚U‘ und ‚W‘ aus dem Flaggenalphabet.“ Die Kombination der Flaggen bedeutet in der Seefahrt „Good Luck“ oder „Gute Reise“.

Die Begrüßung der Schiffe kommt heute aus dem Computer, und nicht etwa aus einer von hunderten Kassetten, die noch immer im Büro der Begrüßungskapitäne hängen. Die Informationen dagegen, die über die Schiffe an die Gäste auf der Besucherterrasse weitergegeben werden, sind bis heute handschriftlich vermerkt. Auf mehr als 17.000 Karteikarten. Für jedes Schiff, das Hamburg angelaufen hat, eine Karte. Alphabetisch geordnet auf einem meterlangen Schreibtisch hinter einer Glasfront, die das Büro der Begrüßungskapitäne von der Besucherterrasse trennt. „Und wenn ein Schiff verschrottet wird oder untergeht, dann entfernen wir die Karteikarte umgehend“, so Bolte.

Die Begrüßungskapitäne, hier Eckart Bolte, sind die Stars der Einrichtung.
Die Begrüßungskapitäne, hier Eckart Bolte, sind die Stars der Einrichtung. Foto: Soenke Schierer
 

Hunderte Schiffe werden so jede Woche begrüßt oder verabschiedet. Wie viele es in den vergangenen 65 Jahren waren? Kaum zählbar. Die Reaktionen der Schiffe aber werden seltener. Ab und an ein Signal. Manchmal wird auch an Bord der Schiffe die Flagge gedippt, der Gruß der Seeschifffahrt. Dabei wird die Flagge bis auf halbe Länge des Flaggenmaastes geborgen und dann erneut auf volle Höhe gehisst. „Das freut uns dann besonders“, gibt Bolte gern zu. „Das wird auch sofort im Brückentagebuch vermerkt“. Die meisten Pötte aber fahren einfach vorbei. Business as usual. Auch auf der Elbe vor Wedel.

Am Tag der Einweihung am 12. Juni 1952 wurde ein Flaggenmast vor der Begrüßungsanlage mit einer Flasche Rum getauft. Es folgte mit dem japanischen Frachtschiff „Agaki Maru“ das erste Schiff, das von Wedel aus begrüßt wurde. Seitdem wurde der Betrieb nur zwei Mal ausgesetzt. Der Grund waren die Sturmfluten 1962 und 1976. Große Teile der Anlage wurden zerstört. Die Betreiber aber entschieden in beiden Fällen: wieder aufbauen und weitermachen. So ist es bis heute. Und auch wenn bei weitem nicht mehr jedes Schiff zurückgrüßt, gibt es sie noch, die außergewöhnlichen Momente.

Das Herzstück: Mehr als 15.000 Karteikarten mit Informationen über jedes Schiff, das Hamburg angelaufen hat.
Das Herzstück: Mehr als 15.000 Karteikarten mit Informationen über jedes Schiff, das Hamburg angelaufen hat. Foto: Soenke Schierer
 

Darauf angesprochen, schleicht sich ein Lächeln auf das bärtige Gesicht von Eckart Bolte. „Da war das Segelschulschiff ‚Gloria‘ aus Kolumbien. Als es Hamburg verlassen sollte, rief die Frau des Konsuls an und fragte, ob das Schiff verabschiedet wird.“ Natürlich wird es das, sagte Bolte. Die Frau des Konsuls freute sich sehr und brachte prompt eine Flagge zum Hissen vorbei. Und sie kündigte an, dass der Kommandant der „Gloria“ eine Überraschung im Gepäck hat. „Ich stand noch auf der Leiter vom Flaggenmast“, erinnert sich Bolte, „da sah ich das Schiff. Ein Tag mit 37 Grad – aber damals lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Da standen die Besatzungsmitglieder in Landestracht auf den Rahen bis hinauf in die Mastspitzen und schwenkten Flaggen. Die Paradeaufstellung.“ Bolte wirkt gerührt, wenn er erzählt. „Das war ein einmaliger Moment.“

Echte Kapitäne findet man in der Begrüßungsanlage selten. Das war schon immer so, erinnert sich auch Wolfgang Eder. Der heute 64-jährige Reedereikaufmann und Schiffsmakler, der 40 Jahre lang als Fachredakteur für den „Täglichen Hafenbericht“ schrieb, ist nur wenige Meter vom Willkomm Höft entfernt aufgewachsen. „Auch mein Vater, Dietrich Eder, war Begrüßungskapitän. 19 Jahre lang“. Oft zog es den jungen Wolfgang nach den Hausaufgaben an die Elbe. Besonders gern erinnert er sich an die Kreuzfahrer der 60er- und 70er-Jahre. „Ich arbeitete im Karteisystem der Begrüßungsanlage. Als ich hörte, dass ein neuer Kapitän gesucht wird, meldete ich das sofort meinem Vater.“ Wie sich herausstellte mit Erfolg. Grad sucht Eder wieder einen Wohnort in Elbnähe. „Ich kann mir sogar vorstellen, im nächsten Jahr auch als Begrüßungskapitän anzufangen.“ Für ihn steht fest: Wedel und das Willkomm Höft – das gehört einfach zusammen.

Ein Relikt der Vergangenheit. Lange Zeit kamen die Nationalhymnen der begrüßten Schiffe von Kassetten.
Ein Relikt der Vergangenheit. Lange Zeit kamen die Nationalhymnen der begrüßten Schiffe von Kassetten. Foto: Soenke Schierer
 

Auch Bolte ist nie selbst zur See gefahren. Die Schifffahrt hat ihn und seine Kollegen aber dennoch das ganze Leben lang begleitet. Genauso wie es einst beim Gründer Otto Friedrich Behnke war. Vielleicht ist es genau diese Leidenschaft für das Maritime, die dafür sorgt, dass sich seit 65 Jahren all die Gäste gern beim Essen unterbrechen lassen, um den Geschichten der Begrüßungskapitäne zu lauschen.

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erstellt am 10.Jun.2017 | 14:00 Uhr

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